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lit07.de - Titelthema: Literaturbetrieb

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Der Dichterkönig in der Jauchegrube.


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Der vergessene Fall Knut Hamsun

Von Knut Gabel







































Der Literatutbetrieb ist schon eine seltsame Maschinerie. Jahr für Jahr gebiert er Götter und Halbgötter, hebt sie in seinen selbstgeschaffenen Olymp und verdient sich Jahr für Jahr damit einen goldenen Anus. Die Dichter ihrerseits füttern die Maschine mit Textmaterial und halten sie so am Kacken. Eine wahrhaft wunderbare Symbiose.

Aber es gibt auch immer wieder Literaten, die das gewaltige Räderwerk des Literaturbetriebs nicht richtig zu schmieren wissen: Manische Ideologen, Reaktionäre, Antisemiten, Misanthropen und andere pathologische Geister. Sie sortiert die Maschine aus, und drückt sie durch ihr innerbetriebliches Spundloch auf die Rieselfelder des Vergessens. Doch die Maschine ist nicht nachtragend. Sie muss ja auch weiter Profit machen, um ihre Ingenieure bei Laune zu halten. Und so werden die gefallenen Engel nach und nach wieder aus der Jauche gefischt und auf ihre alten Throne gewuchtet. Deus ex machina. Zwar immer noch leicht nach Fäkalien riechend. Aber wieder ein Gott!

Ezra Pound, das Mussolini Liebchen, der Judenhasser Louis-Ferdinand Cèline oder der Stalinverehrer Leon Feuchtwanger sind dafür bekannte Beispiele. Auch Alexander Solschenizyn, der jüngst seine antisemitischen Ansichten ausbreitete, wird wohl das Jauchebad überstehen.


Verschlungene Pfade, Abgründe

Aber es gibt einen, dem die Maschine noch nicht verziehen hat. Paradoxerweise einem Nobelpreisträger, der ein reiches Werk hinterlassen hat, das allerdings das betriebliche Räderwerk reichlich schmieren könnte: Knut Hamsun.

Hamsun gilt als einer der Väter der modernen europäischen und amerikanischen Literatur. Noch vor Freud hat er den Leser durch die verschlungenen Pfade in die Abgründe der menschlichen Psyche geführt, dabei stets nur beschreibend, nie analysierend. Werke wie „Hunger“ (1890), „Pan“ (1894) oder „Mysterien“ (1892) zeigen das Individuum im radikalen Umbruch. Das Altbekannte wird durch den Fortschritt hinweggespült, der Mensch verliert seine Wurzeln. Nichts ist mehr so, wie es war. Nichts ist noch da, woran er sich festhalten kann. Doch Hamsuns Werke sind nicht apokalyptische Predigten über den Verfall der Werte. Sie sind vielmehr voller Ironie und dabei aber von einer Zärtlichkeit und Einfachheit, die den Leser unmittelbar berühren.

Viele Schriftsteller hat er mit seinen Romanen beeinflusst. Hemingway wollte so schreiben wie er. Henry Miller, Boris Pasternak und Andrè Gide waren von ihm inspiriert. Er war einer der Lieblingsautoren von Hermann Hesse und Charles Bukowski. Franz Kafka, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Maxim Gorki und Robert Musil, sie alle haben ihn gelesen. Und doch hat ihn der Literaturbetrieb weitestgehend ausgeblendet. In den Abhandlungen über moderne Literatur wird er selten erwähnt, und auch der Buchmarkt behandelt ihn stiefmütterlich. Warum?





Der Fall des Dichterkönigs Knut

Knut Hamsun war eine durchaus kontroverse Persönlichkeit. Schon früh in seiner literarischen Laufbahn äußerte er sich öffentlich zum politischen Geschehen. Nach seiner Inthronisierung als norwegischer Dichterkönig, fühlte sich Hamsun geradezu genötigt, überall was Schriftliches dazuzugeben. Als in Deutschland die Nationalsozialisten die Herrschaft übernahmen, war König Knut Feuer und Flamme. Das faschistische Heilsversprechen einer neuen Weltordnung sprach Hamsuns antidemokratische und zutiefst reaktionäre Überzeugungen an. Er wurde ein glühender Verehrer der Ideen Adolf Hitlers. Wiederholt äußerte er sich öffentlich mit allen Wohlwollen über das deutsche Reich. In einem wahnhaften Akt der Verehrung schenkte er Joseph Goebbels seinen Nobelpreis. Der Höhepunkt seiner ideologischen Idiotie war jedoch sein Zeitungsartikel „An das Volk“, in dem er die norwegische Bevölkerung zur Kollaboration mit den deutschen Besatzern aufrief. 1946 wurde Hamsun dann auch folgerichtig in seinem Heimatland verurteilt. Nur zu einer Geldstrafe, aber die hatte Hamsuns finanziellen Ruin und seine soziale Isolation zur Folge.


Mensch – und Künstler?

Es ist unbestritten, dass Hamsun Sympathisant der Nazis war. Doch er war eben auch eine sehr kontroverse Persönlichkeit. Da war auf der einen Seite der reaktionäre Antidemokrat, der Speichellecker Goebbels. Auf der anderen Seite war er der großartige Erzähler und Kenner der menschlichen Seele. Dem Literaturbetrieb reichten jedoch Hamsuns öffentliche Stellungnahmen für das Naziregime aus, um seine Werke vom Markt zu nehmen. Es wurde kein Unterschied gemacht zwischen dem Menschen Knut Hamsun mit seinen journalistischen Auswürfen, und dem Künstler und seinem literarischen Werk.




Weil Hamsun sich zu den Nazis bekannte, waren auch seine Romane Blut- und Boden-Prosa. Unter diesem Gesichtspunkt wurden in der Folgezeit seine Werke von Soziologen und Literaturwissenschaftlern gelesen und interpretiert. Diese Lektüren verhindern bis heute, dass er wieder entdeckt wird. Sicher gilt es seine Werke kritisch zu lesen. Aber lesen sollte man sie immerhin. Die letzte Gesamtausgabe der Hamsunschen Werke ist von 1952, noch in feinster Fraktur gedruckt. Es wird Zeit, dass sich das ändert!

Der Literaturbetrieb sollte Hamsun endlich wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen. Holt ihn heraus aus der Jauchegrube und hebt ihn in den Olymp, denn da gehört er hin. Oder, um es mit der Betriebsnudel Elke Heidenreich zu sagen: „Hamsun – Lesen!“.




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