eine Seite zurück diese Seite drucken zur Startseite



lit07.de - Titelthema: Literaturbetrieb

Service




Literaturbetrieb revisited


lit.thema

Abtauchen in ein literarisches Paralleluniversum – Willkommen in der Blogosphere

Von Susanne Rudloff










Vorweg eine Warnung: Sie betreten virtuelles Gebiet. Parallelen zur Realität sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Bitte surfen Sie nur mit Hirn, die Autorin ist nicht verantwortlich für eventuell einsetzende Blogabhängigkeit.

Womit wir beim Thema sind: Es geht um Weblogs. Was das ist, fragen Sie? Ach, hören Sie auf. Sie führen doch bestimmt selbst eins. Oder kennen irgendwen, der eines führt. Ansonsten klicken Sie mal hier für eine Erklärung. Schon haben Sie eine der wichtigsten Grundlagen verstanden: Verlinkungen. Ich bin stolz auf Sie. Aber wir wollen noch ein bisschen tiefer in die Materie eintauchen.


Autor vs. Blogger


In der realen Welt haben viele Autoren bereits aufgegeben, um Veröffentlichungen zu betteln. Andere versuchen es erst gar nicht und hoffen auf postmortalen Erfolg. Im Gegensatz dazu revolutionieren Weblog-Autoren den Literaturbetrieb, indem sie sich völlig unabhängig von Verlegern im Internet selbstständig machen. Sie erzählen Geschichten, machen aufmerksam, informieren und geben Ratschläge – ohne Teil des Literatursystems zu sein. Obwohl sie nicht von altbekannten Bestsellerlisten und Feuilletons dominiert werden, bilden sie einen Literaturbetrieb mit ganz eigenen Gesetzen: die sogenannte Blogosphere. Ihre ungeschriebenen Regeln bestimmen das Leben des virtuellen Autors. Und eine erstaunlich große Anzahl schreibender Persönlichkeiten pflegt ihr Weblog, wie ein leinengebundenes Buch. Denn wie auf dem traditionellen Buchmarkt geht es auch hier um Leserzahlen. Was nutzt es einem, wenn er seinen Webspace mit Texten zumüllt und keiner geht hin? Das Besondere aber ist und bleibt: Die Blogger betreiben Literatur nicht einfach nur im Internet, sondern für das Internet. Und weil die Blogosphere ihre eigenen Regeln hat, will das Online-Publizieren gelernt sein.


Papier vs. Bildschirm

Haben Sie schon einmal eine Notizsammlung in Buchform gekauft? Handke zum Beispiel, sagen Sie jetzt. Vielleicht noch Reiseberichte von Goethe. Aber ehrlich, da hört es dann schon auf. Fragmente, Notizsammlungen, Randbemerkungen und dergleichen sind uns in Buchform unerträglich. Im Internet aber werden sie uns mit lässigem Selbstbewusstsein jeden Tag aufs Neue angeboten, kostenlos und unverbindlich. Nicht, dass Sie jetzt denken, jedes Weblog wäre eine lose Aneinanderreihung von Nebensächlichkeiten. Trotzdem stößt man eher selten auf denjenigen, der in einem Blog seinen unveröffentlichten Roman in Häppchen gehäckselt an den Surfer bringt. Was einem weit häufiger unter die Augen kommt, ist eine Mischung aus prosaischen Kurztexten, Gedankenabrissen, Empfehlungen jeglicher Art, Erfahrungsberichten und persönlichen Erlebnissen. Alles portioniert in onlinegerechte Happen, denn die Leseaufmerksamkeit eines Surfers ist bekanntlich nicht die allergrößte. Manch ein Autor verschreibt sich einem bestimmten Themengebiet, andere bloggen wild durch alle erdenklichen Genres. Immer jedoch mit einem guten Maß Humor und beachtlicher Individualität. Vielleicht ist es gerade diese Selbstdarstellung, die einen Blogger in die Abhängigkeit treibt. Ich schreibe, also bin ich. Auf der Leserseite kommt das an: Voyeurismus gehört eben dazu, denn Voyeurismus macht an.


Alpha vs. Netzperlen

Gerade deswegen gibt es auch für jedes Blog eine Zielgruppe. Schließlich findet sogar das Jahresbuch der BamS einen Käufer. Es muss nur richtig beworben und präsentiert werden. Im virtuellen Raum sieht das ähnlich aus: Eine komplizierte Maschinerie aus Verlinkungen, Rückverlinkungen und Kommentaren bestimmt die Bekanntheit eines Weblogs. Um die Übersicht zu behalten, gibt es so etwas wie eine virtuelle Bestsellerliste, die statt nach Verkaufs- nach Linkzahlen listet: die deutschen Blogcharts. Hier bekommt man einen ersten Überblick über die deutsche Blogwelt und ihre Alpha-Blogger, die sich ganz oben auf der Hitliste tummeln.

Wie bitte? Sie lesen nicht einfach nur das, was auf irgendeiner Bestsellerliste steht? Sie suchen nach den Blogperlen im Internet? Selbstverständlich! Aber Achtung – würden Sie jedes Weblog, das Ihnen beim Surfen unter die Augen kommt, auf die Leseliste setzen, kämen Sie zu gar nichts mehr. Glücklicherweise machen die meisten Weblogs die Orientierung recht einfach. Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Grabbeltisch im Buchladen Ihrer Wahl. Wie gehen Sie vor? Sie achten auf den Verlag: „Oha. Fischer“. Auf den Klappentext: „Die Bunte empfiehlt. Uhh...“. Und auf die Autorangaben: „Geboren 1979, wohnhaft in Bottrop, Studium des Altgriechischen. Muss ja ein Reißer sein.“ Im Dschungel der Webloggemeinde finden wir ganz ähnliche Anhaltspunkte.


Design vs. Inhalt

Zum Beispiel die Aufmachung. Das Schöne ist ja, dass ausnahmslos jeder ohne Programmierkenntnisse ein Weblog führen kann. Dafür gibt es Blog-Services, die mit vorgegebenen Designs die Grundlage bieten. So, wie Sie einen ‚Suhrkamp’ binnen Sekunden von einem ‚rororo’ oder ‚Diogenes’ zu unterscheiden wissen, so unterscheidet ein geübter Blogleser auf den ersten Blick einen Wordpress von einem Blogger.com oder twoday. Kenner und Könner aber nutzen die Designvorlagen nur als Anhaltspunkt und basteln selbst. Das ist schön und führt zu Freiheit und Individualität im Bloggetriebe. Ab und an auch zu Augenkrebs. Oder kaufen Sie ein Buch, das mit blutroten Lettern auf neongrünem Papier über den Verfall des guten Geschmacks herzieht?

Aber selbst in der Blogosphere spielt die Aufmachung manchmal nur eine untergeordnete Rolle – wenn der Inhalt passt. Und inhaltlich hat sie genau so viel zu bieten, wie eine gut sortierte Bibliothek. Wenn nicht noch mehr. Denn dem Internetautor sind keine Grenzen gesetzt. Er muss sich nicht an Leserzahlen, Auflagenhöhen und Verlagsstandards orientieren. Da gibt es Fotoblogs, Technikblogs, persönliche Weblogs, Lyrikblogs, journalistisch Weblogs, Elternratgeber, Rezeptsammlungen und vieles mehr. Geben Sie einfach „Blog“ oder „Weblog“ in Kombination mit einem beliebigen Begriff in eine Suchmaschine ein. Oder suchen Sie gezielt auf technorati oder der Google Blog-Suche. Und wenn Sie es gern regional hätten, probieren Sie es mit der Blogger-Karte oder dem „gebe, nehme, erhalte und habe“. Wie bitte? Das ist Ihnen jetzt zu anstrengend? Na gut.


Treiben vs. Surfen

Damit Sie nicht völlig hilflos im Netz umhertreiben, gebe ich Ihnen ein bisschen Schwimmunterricht. Ganz subjektiv, natürlich. Erste Regel: Weiterklicken. So, wie man auch auf den letzten Seiten vieler Bücher Verlagswerbung finden kann, gibt es auf den meisten Seiten liebevolle Empfehlungen zu weiteren Netzautoren, oftmals unter dem Stichwort „Blogroll“. Zweite Regel: die Favoritenfunktion des Browsers ist Gold wert. Das ist wie Lesezeichen in mindestens zwölf Bücher stecken, damit man nicht vergisst, wo man zwischendurch mal ein wenig Kurzweil finden kann. Eines meiner Lesezeichen steckt zum Beispiel auf „gebe, nehme, erhalte und habe“. Dort gibt es die Ursprungsvariante aller Weblogs: die Linkliste, übersichtlich in Kategorien eingeteilt. Prosaisches finden sie in Absurdistan von Ole, Denkwürdiges von Herrn Quint auf „Frischer Fisch von vorgestern“. Wenn Sie den einen oder anderen Cartoon schätzen, empfehle ich Sven K. auf DailyIvy, literarische Notizen und kurze Geschichten gibt es bei den 500Beinen. Alltägliche Plagen arbeitet Herr Wolf schön in seinem neolog auf, einmal durchschleudern lassen können Sie sich im Waschsalon. Wollen Sie aber mal ganz und gar dem Alltag entfliehen und sich ein wenig von fantastischen Geschichten ablenken lassen, sei Ihnen der.Grob ans Herz gelegt, der auf „tod eines zu mittag speisenden“ Flachriemer, Pinguine und seinen Dsungarischen Zwerghamster tanzen lässt und in der Bloggergemeinde mittlerweile ein durchaus passendes Attribut erworben hat: seine Geschichten gelten hier und da als „gröblich“. Aber genug davon, jetzt ist es an Ihnen. Keine Scheu, schauen Sie sich einfach ein bisschen um. Blogger beißen nicht.


Blogger vs. Mensch

Immerhin sind sie auch nur Menschen wie Sie und ich. Einige haben einen Namen, andere nur ein Pseudonym – in jedem Falle aber gibt es sie auch in der Realität. Schon lange hat die Blogosphere ihre virtuellen Ketten gesprengt: Aus Blogs wurden Bücher, aus Büchern Blogs, aus Bloggern Journalisten, aus dem einsamen Surfen vor dem PC aufregende Bloglesungen und kuschelige Bloggertreffen. Wenn Sie also neugierig sind und wissen wollen, was Weblog-Autoren überhaupt für Leute sind, gehen Sie doch einfach mal auf eine Lesung. Ob in Frankfurt, München, Berlin, Hamburg oder Fürth. Da können Sie dann ein Bierchen mit MCWinkel trinken, einen Kaffee mit modeste schlürfen oder sich von LisaNeun einen Cartoon zeichnen lassen. Und ganz nebenbei herausfinden, dass diese abgefuckten Internetfreaks doch ganz nette Normalos sind. Jedenfalls zum größten Teil. Und wenn Sie das dann immer noch nicht überzeugt hat: Machen Sie es doch einfach besser.


Mehr Info unter http://wortwahl.twoday.net.




© lit07.de, 2007

Service