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Rund 90000 potenzielle Perlen warten jedes Jahr darauf, aus den unergründlichen Tiefen des deutschsprachigen Literaturmarktes ans Tageslicht befördert zu werden. Die kleine, privilegierte „Perlentauchergemeinde“, die ihren Fang alltäglich feil bietet, kann sich nur mit einem winzigen Teil des Schatzes an Neuerscheinungen begnügen, den sie stellvertretend für den Ganzen anpreist. Doch während die Perlentaucher Zeit damit verlieren, sich noch um die gefundenen Schmuckstücke zu streiten oder zu erläutern, warum etwas grade keine Perle ist, sinken die Restlichen immer tiefer und sind spätestens mit der nächsten Flut verloren.
Dabei lässt sich jetzt eine bedeutende Anzahl längst vergessener Perlen bergen. Mit „Die Welt im Buch“, ist das vollständige literaturkritische Œuvre von Hermann Hesse erschienen, das Hesses Gesamtwerk als 20. Band abschließt. Hesse war Zeit seines Lebens Perlentaucher. Er hat über 3000 Rezensionen verfasst, die er allerdings stets als Bücherempfehlungen verstehen wollte. „Wirklich wahr sind wir nur, wo wir ja sagen und anerkennen. Das Feststellen von Fehlern und klinge es noch so fein und geistig, ist nicht Urteil sondern Klatsch“.
Das „Schwimmen in der Neusten Literatur“, das ihm die Verlage mit dem Einsenden ihrer Rezensionsexemplare bescherten, erscheint ihm nur anfangs wie ein „rauschvolles Vergnügen“. Schnell distanziert er sich vom „flüchtig verfassten Neuesten“, um seine Aufmerksamkeit dem „zu unrecht Vergessenem“ zu widmen. „Unsere Zeit“, so lautet das Credo des gewendeten Kritikers, „schafft mehr Hinfälliges als Bleibendes.“
Indem er sich also von Novalis über Boccaccio, Thomas Mann zuwendet, verändert sich neben dem Fokus auch die inhaltliche Komposition seiner Besprechungen. Anfangs geht er davon aus, dass eine gute Rezension vor allem stoffliches Wiedergeben sei, weil die Leser keine literarischen Betrachtungsweisen wollen, sondern hauptsächlich in einem „fesselndem Geschehen“ Befriedigung suchen. Später kommt er, wohlmöglich aus eigener Erfahrung als Schriftsteller, zu dem Schluss, „dass weniger die Handlung, als vielmehr der Impuls des Autors diese zu erdichten von Interesse sei“.
In harmonisierenden Sammelrezensionen bespricht er Bücher nach eigenen Kategorien: „Bücher für unterwegs, Billige Bücher, Ferienlektüre, Sommerbücher, Beiträge zur Versöhnung der Völker, Vorschläge zu einem Buchgeschenk“ usw., während sich sein Blickfeld von der Belletristik auf immer größere Gebiete der Publizistik ausdehnt. Empfehlungen von kunsthistorischen Abhandlungen, stehen neben der Feier philosophischer Werke. Geprüft werden Sagen-, Legenden-, Märchen und Kinderbücher, in einem Atemzug mit Neuerscheinungen der sich entwickelnden Psychoanalyse. Aber auch Übersetzungen chinesischer, indischer, altägyptischer Quellenschriften, Wörterbücher, Nachschlagewerke, Biographien, Reisebücher und Editionen von Briefwechseln nimmt sich der scheinbar nimmersatte Hesse vor, um dem betäubenden ‚Nein’ des literaturkritischen Kanons, ein wachrüttelndes ‚Ja’ zur Literatur, entgegenzusetzen.
In diesem Sinn kann man als heutiger Perlentaucher von Hesse das Knüpfen von Ketten lernen, durch das sich die einzelnen Fundstücke verbinden lassen. In der Flüchtigkeit der heutigen Medienlandschaft verschwinden nicht nur die unaufgespürten Perlen, auch die einzeln für sich Glänzenden gehen sofort nach ihrer Bergung verloren. Wen die Herausforderung reizt, einer Perlenkette einmal um den Äquator zu folgen, dem seien diese Bände als die richtige Reiselektüre ein hervorragender Begleiter.
Hermann Hesse: Die Welt im Buch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002-2005. 5 Bände, jew. 600 Seiten, Paperback. Jeweils 40,80 Euro.
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