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Notiz der Redaktion: Nach wie vor ist der Redaktion der Aufenthaltsort von Jan Fischer nicht bekannt. Er befindet sich auf der Flucht vor dem KGB. In seiner Email schrieb er:
Die Pflichterfüllung ist mir das Höchste, deshalb hier der Mitarbeiter des Monats, auch wenn es voraussichtlich meine letzte Kür sein wird. Die Höhle, in die ich mich zurückgezogen habe, ist kalt und zugig. Hin und wieder verwechsele ich das Geräusch der tropfenden Steine mit dem sich nähernder Fellmützen. Meine Tabakvorräte gehen zur Neige, ebenso die Batterien des MP3-Players. Sagt Pierre, er soll meinen Stuhl im Café „Zur Sonne“ freihalten. Ich komme bald wieder.
Die Redaktion kennt weder einen Pierre noch ein Café „Zur Sonne“ und schließt daraus, dass Jan Fischer sich nicht im besten geistigen Zustand befindet, daher behält sich die Redaktion auch das Recht vor, den Text zu kommentieren. Der Übergang zwischen Fischers Email und seinem Text mit dem Titel „Orhan und Ich flüchten nach Stockholm und nehmen Elfriede auch noch mit“ ist fließend. (Es besteht Grund zu der Annahme, dass der Titel nur ein Arbeitstitel sein sollte.)
Feuilletons erreichen mich hier nicht. Mein einziger Kontakt zu Außenwelt ist die „Sun“, welche mir der treue Zahif in unregelmäßigen Abständen vorbeibringt. Er kann nicht lesen. Ich möchte ihm nicht sagen, dass das, was er mir unter Aufbietung seines Lebens bringt, ein Schundblatt ist, mit dem ich nicht viel anfangen kann. War daher überrascht, als Zahif Orhan Pamuk mitbrachte, sich umdrehte und - bevor er verschwand - noch einmal sein ewiges „Allah Akbar!“ aufsagte. Orhan sagte, seine Gegner wähnten ihn auf der Flucht in den USA, es sei ihm aber gelungen, sich abzusetzen und einen Doppelgänger auf die Vortragsreise zu schicken. Diese Höhle in A., in der wir beide uns befänden, sei ihm als sicherer Unterschlupf empfohlen worden, in der er seinen Schlag gegen das Nobelpreiskomitee planen könne.
Die Redaktion distanziert sich von der Behauptung, Orhan Pamuk hätte sich selbst durch einen Doppelgänger ersetzt. Pamuk befindet sich auf einer Vortragsreise durch die USA, in die er, wie er selbst sagt, geflohen ist, aus Angst davor, auf seiner Deutschlandlesetour ermordet zu werden.
Orhan sagte, die Flucht sei eine wirkliche Flucht, obwohl sie auch gleichzeitig als Imagekampagne geplant sei. Die Imagekampagne übernähme sein Doppelgänger. Es sei so, dass der Nobelpreis das Zeichen dafür sei, dass die großen Zeiten der Preisträger vorbei seien, siehe Harold Pinter. Eine medienwirksame Flucht aus politischen Gründen zeige, dass der Autor immer noch ernst zu nehmen sei, dem literarischen Leben verhaftet, nicht begraben in einem Kanon. Er, Orhan, wolle die Zeit seiner Flucht nutzen, um einen Marsch der Literaturnobelpreisträger auf Stockholm zu planen, welche lautstark skandieren würden: Raus aus dem Kanon, rein in die Relevanz.
Fischer steigert sich hier immer mehr in seinen Wahn. Die Redaktion glaubt, er könnte einen schweren Fall von Literaturbetriebsparanoia entwickeln. Offenbar ist er von der Annahme besessen, die internationalen Machenschaften der Literaturwelt seien eine ausgeklügelte Verschwörung, die letztlich dem Ziel diene, Autoren durch Institutionalisierung ihre Relevanz (ein Wort, das Fischer immer gerne mit Sprengkraft gleichsetzt) zu nehmen. Diese Paranoia projiziert er auf Pamuk und den Literaturnobelpreis. Sicher ein interessanter Fall für die Psychologie.
Orhan sagt, mit Elfriede Jelinek stünde er in Kontakt, sie hätte davon gesprochen, ausreichend Steine und schwarze Kapuzenpullover für alle mitzunehmen. Harold Pinter ließe sich entschuldigen, seine Hüfte mache Probleme. Günter Grass käme auch, aber nur unter der Voraussetzung, dass ausreichend Medien präsent seien, denen er das moralisch Richtige erzählen könne. Er würde allerdings weder Steine werfen noch Parolen skandieren.
Ab hier wird Fischers Erzählung von Pamuks „Vorhaben“ sehr konfus. Offenbar denkt Fischer, Pamuk würde die internationale Welt der Literatur von Grund auf reformieren wollen, der Sturm der Nobelpreisträger auf Stockholm solle eine Symbolwirkung haben - ähnlich dem Sturm auf die Bastille - und würde eine Entwicklung auslösen, die letztlich „das Ende von Büchern wie denen von Umberto Eco und Salman Rushdie“ bedeuten würde. Die Redaktion distanziert sich hiervon. Eine letzte Forderung Pamuks lehnt Fischer an Rolf-Dieter Brinkmann an:
Lasst die Toten die Toten betrachten. Wir Lebenden wollen schreiben.
Mit diesem Satz endet Fischers Text. In seiner Email schreibt er zu dem Text:
Orhans Tatkraft hat mich sehr beeindruckt. Seine Flucht hatte nichts Ängstliches oder Feiges, wie man meinen könnte. Er ist auch nicht der Mann, der sich vor einer Bedrohung zurückziehen würde. Dies alles sind nur vorgeschobene Gründe. In Wirklichkeit möchte er seine eigene literarische Ernsthaftigkeit zurückgewinnen, die unter seinen politischen Ansichten sehr gelitten hat. Er hat große Angst, den Nobelpreis nicht wegen seiner Arbeit, sondern wegen seiner Ansichten bekommen zu haben. Zum Glück weiß er, dass Ansichten kurzlebig sind, Literatur nicht.
Die Redaktion ist sich nicht sicher, ob dieses tatsächlich aus Fischers Feder stammt. Pathos ist sonst nicht seine Art, und Worte wie „Ernsthaftigkeit“ benutzt er eigentlich nicht. Seine Email schließt Fischer allerdings mit Worten, die wieder mehr nach ihm klingen:
Machen wir Orhan zum Mitarbeiter des Monats. Wir müssen damit anfangen, dem Nobelpreis entgegenzuwirken.
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