eine Seite zurück diese Seite drucken zur Startseite




lit06.de - Titelthema: alter.

Service




Hypermarché


lit.folgen

Stramm gesimst

Die neueste Literatur besteht aus maximal 160 Zeichen und kostet den Autor ca. 19 Cent. Die Übertragung übernimmt der Short Message Service. Also SMS.

Wie alle guten Geschichten beginnt auch die der SMS in der Heiligen Nacht. Die erste Botschaft lautete: "Merry Christmas" und adressierte das christliche Abendland. So ist es wenig wunderlich, dass die Deutschen als Volk der Dichter & Denker ganz weit vorn mitmischen. Sie sind – nach den Spaniern – Vizeeuropameister beim SMS-Schicken mit rund 40 Kleintexten pro Monat.

Allerdings haben Dichter dabei schlechte Karten, auch wenn die SMS-Nutzer-Typologie von Prof. Dr. Alfred Gebert als Typ 5 die "Zurückhaltenden" kennt und diese wegen ihrer authentischen Simserei als "die Goethes unter den SMS-Versendern" bezeichnet. Tatsächlich hat Goethe unter den Überschriften "Gott, Gemüt und Welt", "Sprichwörtliches", "Epigrammatisch" und "Parabolisch" SMS-Lyriksammlungen avant le télephone angelegt. Allerdings dürfte Prof. Gebert bei seiner Einteilung nicht an Weisheiten wie "Wer sich nicht nach der Decke streckt, / Dem bleiben die Füße unbedeckt" gedacht haben. Oder an "Hast deine Kastanien zu lange gebraten; / Sie sind dir alle zu Kohlen geraten".

Der eigentliche Vorreiter der SMS-Lyrik ist der Telegraphierer unter den Dichtern: August Stramm. Die Zerstörung von Syntax und Sinn, die den Kritikern des Simsens als kulturelle Verfallserscheinung erscheint, wird hier zur futuristischen Poesie der befreiten Worte. Für nur 19 Cent. So billig war die ästhetische Moderne noch nie zu haben.


August Stramm: Abend [62 Zeichen]

Müde webt
Stumpfen dämmert
Beten lastet
Sonne wundet
Schmeichelt
Du


August Stramm: Gedichte, Dramen, Prosa, Briefe. Hrg. von Jörg Drews. Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart 1997, 242 S., € 5,10.


Steffen Martus


Logo alter

© lit05.de, 2005

Logo alter

Service