eine Seite zurück diese Seite drucken zur Startseite




lit06.de - Titelthema: alter.

Service




Hypermarché


lit.folgen

Sprachkritisches Gebäck

Manche meinen, die Sprachkrise der Moderne habe im Oktober 1902 ihren gültigen Ausdruck gefunden. Damals erschien Hugo von Hofmannsthals berühmter Chandos-Brief, in dem ein junger Lord sein gestörtes Verhältnis zur Umwelt aufgezeichnet hat. „Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“

Die eigentliche Sprachkrise aber begann viel früher. Vor ungefähr 150 Jahren. Damals brachte der Dresdner Bäckermeister Ferdinand W. Hanke aus Petersburg das Rezept für Russisch Brot mit. Warum er Kekse in Form von Buchstaben und Zahlen gebacken hat, wird sein Geheimnis bleiben. Seitdem jedenfalls zerfallen jegliche Worte im Mund wie trockenes, viel zu süßes Gebäck (wenn sie nicht schon in der Tüte zerfallen sind).

Kinder können mit Russisch Brot für die Wagnisse der Sprache sensibilisiert werden. Sie lernen, wie fragil die Worte sind. Und sie lernen frühzeitig, dass weniger Worte besser sind als viele, weil man sonst nämlich Zahn- und Magenprobleme bekommt. Erwachsenen bietet sich Russisch Brot für hübsche Voodoo-Spiele an. So kann man den Namen seines Feindes legen und durch einen leichten Schlag mit der flachen Hand zertrümmern. Und ihn dann in alle Winde zerstreuen. Oder aufessen. Oder so lange im Mund behalten, bis sich, nach ein bis zwei Stunden, der Geschmack modriger Pilze ergibt.

Erhältlich in jedem gut sortierten Supermarkt.



Steffen Martus


Logo alter

© lit05.de, 2005

Logo alter

Service