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Liliputaner auf dem Rücken



Ich liege auf dem Bauch, mein nackter Rücken der Zimmerdecke zugewandt. Neben mir eine Schale Wasser, zwei Pinsel und eine Farbpalette.
"Welche Farbe?" fragt er.
"Egal. Nimm, was dir gefällt."
Er schreibt. Ich versuche die Zeichen zu entziffern, es kitzelt. Ich kichere in mich hinein.
"Bleib doch mal still liegen! Sonst wird das nichts."
"Aber es kitzelt so. Vor allem das S, du bist zu schwungvoll."
Mir geht eine Liedzeile durch den Kopf: "Du bist die erste Frau, der ich Liebeslieder auf den Rücken schreib". Ich summe vor mich hin.
"JointVenture", sagt er in mein Summen hinein.
"Richtig. Schreibst du auch ein Liebeslied?"
Er schweigt. Die Zeichen schlagen Purzelbäume auf meiner Haut. Das l erkenne ich, beim i ist es auch leicht. Die Buchstaben tanzen vor meinem inneren Auge. Das e kann ich vom o kaum unterscheiden. Jede Berührung mit dem Pinsel auf meiner Haut löst eine Assoziationsexplosion aus. War das eben tatsächlich ein b?
Er hat den Pinsel gewechselt, dieser hier ist feiner und verschafft mir eine wohlige Gänsehaut.
"Kommt jetzt das Kleingedruckte?"
Er lacht nur und zieht weiter seine Linien. Es ist so angenehm, dass ich fast wegdöse. Ich denke an Gullivers Reisen und habe das Gefühl, dass auf meinem Rücken Liliputaner spazieren gehen. Ich träume offenen Auges und werde zum Teil seiner Geschichte.

"Fertig." Er wäscht den Pinsel aus.
"Und? Wie ist es geworden?"
"Sehr schön. Ich hole die Kamera."
Während er aus dem Zimmer geht, um den Fotoapparat zu holen, schwelge ich in Literatur. So sehr war ich noch nie Teil eines Textes, noch nie ein Text so Teil von mir.


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Susanne Rudloff



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