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The Thumb Thing



Nein, die Zeiten sind vorbei. Der junge Leser heute flaniert nicht mehr durch Parks, mit dem Lieblingsroman, den er einmal pro Woche liest, lässig unter den Arm geklemmt. Er trifft sich abends nicht mit gleich gesinnten Schöngeistern, um bei einem guten alten Port über Wittgenstein zu diskutieren. Auch reitet er am Sonntagnachmittag nicht mit der Liebsten aus, um unter einer alten Eiche zu picknicken. Nicht, dass er kein Schöngeist wäre. Aber er hat einfach keine Zeit mehr zum müßigen Lese-Leben. Der junge Leser trägt das Buch stets aufgeschlagen mit sich, um darin zu lesen. Wie sonst, wenn er – natürlich gleichzeitig – an drei Texten für drei verschiedene Magazine und seinem siebenbändigen Romanprojekt arbeitet, einen Freund bei dessen Fotografie-Ausstellung berät und sich zwischendurch mittags mit Benjamin von Stuckrad-Barre (Zürich) und abends auf ein Bier mit Jonathan Safran Foer (New York) trifft. Bleiben nur die Wege dazwischen. Und damit das reibungslos läuft, hilft das Thumb Thing: Es vermeidet das lästige Buchzuklappen. Wo der Flaneur den Wind sich durchs lässig-zerzauste Haar hat streichen lassen können, ist er für den jungen Leser heute ein Fluch. Merkwürdig nur, was der Hersteller sagt: „Ideal for reading in bed, or in the bath or on the beach.“ Weit gefehlt. Der ideale Käuferkreis nämlich schläft, wenn er im Bett ist, oder hat Sex mit Helen Walsh (Liverpool). Und für ein Bad oder gar den Strand ist schon gar keine Zeit vorhanden. Aber mit einem kann man sich dann doch anfreunden: „Everyone will want one, everyone should have it.“ Dieser Satz ist ein Credo. Und der Besitz des Daumendings Voraussetzung dafür, heute überhaupt noch lesen zu können.


Das Thumb Thing kostet drei Euro, Infos unter www.thumbthing.com.




Martin Spieß



© lit06.de, 2006

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