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Das Leuchten der Literatur




Ein Mann betritt die schummrige Bar. Ich denke nur: Komisch, sein Unterleib leuchtet. Vielleicht sollte ich weniger trinken. Während Mister Leuchtfeuer näher kommt, bestelle ich vorsichtshalber doch noch einen Cocktail. Dann sehe ich genauer hin: Seine Gürtellinie blinkt mir "Fin de siècle" entgegen; ich winke ab und tippe hinweisend auf meine linke Brust, auf der in Leuchtbuchstaben "Ilse Aichinger" steht. Zwei Minuten später sitzt er neben der hübschen "Marie von Ebner-Eschenbach".

Der nächste potentielle Traummann versucht es mit "Klassik", ein weiterer mit "Trash-Poesie". Vor mir stapeln sich die leeren Gläser. Als mich kurze Zeit später ein junger Mann nach meinem Lieblingsmord fragt, schiele ich unauffällig auf seine Gürtelschnalle: Die LED-Lichter bilden den Schriftzug "Kriminalromane". Ich täusche Kopfschmerzen vor und bestelle einen Absinth. Die neue Botschaft lautet: "Bitte nicht stören - depressive Schaffensphase". Meinen "Nachkriegsliteratur"-Leuchtmann finde ich heute ohnehin nicht mehr.

Zukunftsszenarien einer flirtunfähigen Gemeinschaft von Literaturliebhabern? Mitnichten. Die LED-Gürtelschnallen oder -Brustschilder gibt es schon lange. Nur hat man ihren wahren Nutzen bisher verkannt: kein lästiges Beschnuppern mehr, keine lästigen Frage-Antwort-Spiele. Stattdessen ein knackiges literarisches Statement, je nach Gefühlszustand. Als Blinklicht, Laufschrift oder statisch. Nur nicht den literarisch passenden Traumpartner übersehen. Lieber trendbewusst mitleuchten.

Und wer vergeben ist, der stelle doch einfach auf "standby".


LED-Gürtelschnallen gibt es u. a. bei www.lightattack.de
(ca. 40,- €), LED-Brustschilder bei www.pearl.de (ca. 20,- €).




Susanne Rudloff



© lit06.de, 2006

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