|
| |||
| lit.folgen | Frühstückslektüre | |||
|
Kein Handwerk verdeutlicht den aktuellen Kulturverlust so beispielhaft wie der Bäckereibetrieb: Es gibt keine guten Backwaren mehr, weil industriell vorgefertigte Massenprodukte die traditionellen Fertigungsformen abgelöst haben. Kein Mensch will heute mehr um vier Uhr morgens aufstehen, um den Teig zusammenzukneten. Das hat fatale Folgen für die Lesekultur: Denn je weniger Zeit sich die Bäcker für ihre Arbeit nehmen, desto schlechter wird das Brot, desto geringer der Genuss beim Verzehr der Brote, desto kürzer das Frühstück und desto weniger Zeit bleibt für die Morgenlektüre. Kurz: Die Zeitungskrise der 1990er Jahre geht zurück auf den Verfall der kulinarischen Werte und des Handwerksethos; der Erfolg des Häppchenjournalismus à la "Focus" ist ein Effekt von labbrigen Semmeln und geschmacklosen Broten. Das Bäckereiwesen hat darauf reagiert: Es bedruckt seine Brottüten mit "Gedanken", mit Aphorismen und Merksätzen für den Tag nach dem Frühstück. Sie sollen den Niedergang der kulinarischen Kultur um- und damit bemänteln, entlarven ihn aber erst recht. "Lebe jeden Tag, als ob es dein erster und dein letzter wäre!" - würde man dann noch zum Bäcker gehen? "Der Mensch weiß erst dann, was er leisten kann, wenn er es versucht" - der Brottüteninhalt dementiert die Brottütenaufschrift! Die Bäcker-"Gedanken" stehen im Zeichen der schnellebige Koalition von Konsum und Genuss: "Mit dem Leben ist es wie mit dem Brot - es wird hart, wenn man es nicht genießt." Man sieht: Brotschnellbackbetriebe produzieren nur Gedankenmassenware. Einzelne Brottüten gibt es kostenlos beim Bäcker; wer sich seinen eigenen Roman drucken lassen will, findet Angebote unter: http://www.lebensmittel-verzeichnis.de/ Baeckereibedarf/Alles_zum_Lebensmittel_verpacken
| |||
| | © lit06.de, 2006 | |||
| |
| |||
| | ||||