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lit06.de - Titelthema: Ratgeber.

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Wer bin ich? Woher kommt die Werbung?


Gerade war man forschungshalber auf einer Seite für ausgefallenere Leseinteressen und entsprechende Freizeit-Gestaltung und hat für weitere Informationen seine E-Mail Adresse hinterlassen. Zwei Stunden später sind im Posteingang 56 neue Nachrichten über Lacklederpeitschen, Penisverlängerung und Schließmuskel-Piercings.
Spätestens jetzt weiß man: Wer sich im Netz bewegt, wird beobachtet. Alles, was sich als persönliches Profil begreifen lässt, wird in riesigen Datenbanken gespeichert. Hätte die CIA nur annähernd so viele spionierende Cookies, automatisierte Skripts und IP-Hunters wie die internationalen Firmen, die Welt wäre eine sicherere.
Um sich der Beobachtung zu entziehen, hilft nur eins. Man muss sich multiplizieren – und aus einem einzigen Lebensentwurf muss man für die Netzwelt zehn oder zwanzig machen. Andere Identitäten, die unsere Biographien selbständig fortschreiben. Das kann der Netz-User mithilfe von Bots. Das sind automatisierte Konsumenten, die das Netz bereisen, um ihre persönliches Profil in den Datenbanken der Ökonomie zu hinterlassen.
Um einen Bot zu kreieren, muss der User nur auf die Homepage des Künstlers Franz Alken gehen und Angaben zur gewünschten Netzidentität machen. Über Geschlecht, Schulbildung, Berufsstatus, Nettoverdienst, Freizeitinteressen lassen sich hunderte virtuelle Parallelentwürfe des eigenen Lebens ausprobieren. Was für Werbung bekäme man, hätte man einen Hauptschulabschluss und einen Nettoverdienst von 50.000 Euro im Monat? Oder wäre Frau und Kaninchenzüchterin? Mit Unterstützung von Franz Alkens Programmen kann man den Lebensweg des Bots über seine individuelle Signatur im Netz verfolgen. Und man kann das dann zuhause in einer eigenen Datenbank protokollieren, um irgendwann die Geschichte des Bots als Teil der eigenen Autobiographie aufzuschreiben. Oder der Bot schreibt auf, was mir passiert ist, als er irgendwo an der Tastatur saß, um diesen Text zu schreiben.


Einen kostenlosen Bot gibt es unter http://www.superbot.tk und im Edith-Ruß-Haus in Oldenburg



Kai Splittgerber


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