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Der Weihnachtsstempel


So abrupt, wie Maria den Leibhaftigen einst in einem Stall gebar, überfällt uns Weihnachten Jahr für Jahr. Schon im Oktober marktwirtschaftlich eingeläutet und ausgeleuchtet, wandelt man so lange zwischen Tannenbäumen, Lebkuchen und Lichterketten umher, bis die vorfestliche Besinnlichkeit den Grad eines besinnungslosens Dauerzustands erreicht hat. Und dann sitzt man plötzlich auf der elterlichen Couch, schaut in die politikielle Winterlandschaft und hat den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Wenn einen dann kurz vorm Heiligabendcountdown noch Anlaufschwierigkeiten bezüglich der nötigen harmonischen Worte plagen, mache man aus der Not eine Tugend und gehe in sein Zimmer – zum Stempeln. Wenige Minuten später hält man dann ein Dutzend Weihnachtskarten mit den passenden Worten für die ganze Verwandtschaft in der Hand, genormt und beißend lakonisch, aber immerhin in mehreren Sätzen verfasst. Die üblichen Lügen umgeht man dazu: Ich/Wir hatte/n es mir/uns wirklich vorgenommen, diese Weihnachten ausführlich zu schreiben. Wie immer kam Weihnachten jedoch zu einem überraschenden Zeitpunkt. Drum „Frohe Weihnachten und guten Rutsch“ aus der privaten Druckpresse. Kurz und herzlich und besser als nichts. Wer allerdings noch nicht genügend Glühwein genossen hat und angesichts der kläglichen Botschaft ein reuiges Gewissen verspürt, der beiße einfach die Zähne zusammen und tauche den Stempel in sein Herzblut. Kurz und schmerzlich und besser als nichts.


Zu beziehen unter www.glamour.de/glamour/10/2/ für 13,99 EUR.


Annegret Bauer


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