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Wie von Alpträumen geplagt, wälzt sich die Menschheit hin und her. Seit Jahrtausenden kommt sie nicht zur Ruhe, flüstert, halb im Schlaf, immer wieder die gleichen Fragen. Was, Wie, Wieso, Wohin? Die Suche nach Antworten ist oft umsonst, die Mittel wirken improvisiert sie müssen erst noch gefunden werden. Der Mensch versucht sich an Verschiedenem, nennt es Rhetorik, Mystik, Religion, Esoterik, Spiritualität, Mythos, Philosophie. Ohne sichtbare Werkzeuge arbeitet er sich an den Fragen ab. Die Schlagwörter: Weisheit, Seelenfrieden, Transzendenz, ewiges Leben, Erfüllung, Sinn… Eigentlich genauso wenig greifbar wie die eingesetzten Mittel.
Die Antwortversuche materialisieren sich hin und wieder in archivierbarer Form, in schriftlichen Erlebnisberichten, Selbstbefragungen und Erklärungsversuchen, in Tagebüchern, Abhandlungen, niedergeschriebenen Reden ein unüberschaubarer Wust, der mit der aktuellen Ratgeberwelle weiter anschwillt. Gerade hat erneut der Deutsche Taschenbuchverlag den Versuch unternommen, einige herausragende Texte zu einem Kanon zu versammeln, in einer handlichen zwölfbändigen Taschenbuchreihe: Die Kleine Bibliothek der Weltweisheit. Klassiker wie Senecas Von der Kürze des Lebens, Tao te king von Laotse, Voltaires Candide und Buddhas Reden erscheinen als durchnummerierte Titel einer Sammlung wie Teile der Werkausgabe eines neurosengeplagten Autors die Menschheit kommt immer wieder auf die gleichen Fragen zurück.
Und vielleicht wiederholen sich auch die Antworten. Daran lässt die Eingangsszene von Boehtius’ Trost der Philosophie, des ersten Bands der Kleinen Bibliothek der Weltweisheit, denken. Der Autor, unschuldig eingekerkert, überdenkt sein bisheriges Leben und sein jetziges Unglück, als ihm eine Frau erscheint, die Philosophie: „ein Weib (…) von höchst ehrwürdigem Antlitz, mit funkelnden und über das gewöhnliche Vermögen der Menschen durchdringenden Augen, von frischer Farbe und erschöpfter Jugendkraft, obwohl sie so bejahrt war, dass sie in keiner Weise unserm Zeitalter anzugehören schien.“ Als überzeitliches Wesen ist sie da, um „Trost“ zu spenden, sie beantwortet geduldig die seit Jahrtausenden unveränderten Fragen. Nur ihre Sprache erneuert sich.
Die Vorstellung einer immer gültigen Weltweisheit mag heute befremdend wirken. Sie widerspricht dem Fortschrittsdenken und lässt keinen Raum für Optimierung. Und sie wirkt in ihrem Glauben an das Authentische und Wahre im postmodernen Zitatzeitalter schlicht naiv. Dennoch steht der Auftakt der dtv-Reihe da wie eine Einladung, sich auf die Zeitlosigkeit der Ratschläge einzulassen. Das heißt, sie zugleich als „zeitgenössisch“ zu begreifen, wie es Franco Volpi im Nachwort zu Schopenhauers Über das Mitleid vorschlägt. Zum einen verwischt dieser Ansatz den (zeitlichen) Graben zwischen dem eigenen Standpunkt und den Werken. Zum anderen schmelzen rund drei Jahrtausende auf einen Moment zusammen Nietzsche, Buddha und Epiktet sitzen zusammen mit Montaigne, Hildegard und Schopenhauer in einer Runde, mit dabei Seneca, Laotse, Voltaire sowie Konfuzius, Boehtius und Gracián. Kurz: Die Kleine Bibliothek versammelt munter Stoiker, Weltverneiner, Jesuitenpater, Aufklärer, Werteskeptiker, Atheist und Benediktinerin um einen Tisch. Zur großen Konferenz in Sachen Weltweisheit. Doch kann bei so grundlegend verschiedenen Überzeugungen überhaupt ein sinnvolles Gespräch, gar ein Konsens zustande kommen? Tatsächlich kommen die Autoren zu übereinstimmenden Vorstellungen vom „geglückten Leben“ und erzielen sogar eine erstaunliche Einigkeit im Idealbild des Weisen:
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Besinnung. Der erste Ratschlag ist die Bedingung für das, was folgt. Zunächst muss ein Weiser sich herauslösen aus dem Alttagsgeschäft, aus der Gesellschaft, aus der engen Kapsel des Menschseins. Bei sich sein. Sich nicht auf äußere Logiken einlassen. Montaigne, Spross einer gutbegüterten, angesehenen Familie, zog sich 1563 mit gerade 30 Jahren vom höfischen Treiben zurück in die Enge eines Turms des familiären Schlosses, um nachzudenken und zu schreiben. Er weiß, wovon er spricht, wenn er feststellt: „Der Ruhm und die Ruhe sind Dinge, die nicht unter einem Dache wohnen können. Wie ich sehe, haben diese Leute nur die Arme und Beine aus dem Getümmel gezogen, ihre Seele und ihr Sinnen und Trachten bleiben darin ärger verfangen als je.“ Das „Getümmel“ ist das Unwesentliche, mit dem die meisten Menschen „lange beschäftigt gewesen sind, ohne doch etwas zu tun“, wie Seneca es im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt formuliert. Wie ein Mantra wiederholt der antike Stoiker in seinem Büchlein Von der Kürze des Lebens die Ratschläge: sich nicht hetzen lassen, keine falsche Geschäftigkeit betreiben, sich die begrenzte Lebenszeit bewusst machen. Zur Ruhe kommen, sich vom Unwesentlichen befreien. Erst dann gelingt das, was den Weisen ausmacht: „den Blick erheben zur Betrachtung der Wahrheit.“
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Perspektivwechsel. Einen Schritt zurücktreten, sich den eigenen Standpunkt bewusst machen, Wahrnehmung, Wünsche und Ziele hinterfragen. Dass wir uns über die Natur der Dinge oft täuschen, ist ein Motiv, das die Jahrtausende überdauert. In Buddhas Reden, deren Niederschrift teils erst 400 n. Chr. abgeschlossen wurde, die jedoch auf das 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückgehen, heißt es: „Die Empfindungen, ihr Mönche, sind nicht das Selbst… / Die Vorstellungen… die Gestaltungen, ihr Mönche, sind nicht das Selbst…“ Rund 2300 Jahre später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, schreibt Schopenhauer in Über das Mitleid: „Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug, im Kleinen, wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht; es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswert das Gewünschte war: so täuscht uns also bald die Hoffnung, bald das Gehoffte.“
Mit geradezu kriminalistischen Zweifeln wendet sich der Weise gegen die Wahrheitsentwürfe seiner Zeit. Er versucht, sich von Vorurteilen und Erwartungen zu befreien. Montaigne schreibt: „Das Leben ist für sich selbst weder ein Wohl noch ein Übel: Es ist der Ort des Wohls und des Übels, je nach dem, was ihr hineinlegt.“ Es geht darum, Wünsche und Erwartungen, Hoffnungen und Ansprüche, die oft genug für Enttäuschungen und Verfehlungen sorgen, ans Bewusstsein zu bringen. Was darf überhaupt zu Recht erwartet werden von einem „geglückten Leben“? Epiktet rät: „Begehre nichts Unmögliches. Wenn du willst, dass deine Kinder, deine Frau und deine Freunde ewig leben, so bist du ein Tor. Du willst damit, dass Dinge, die nicht in deiner Gewalt sind, in deiner Gewalt sein sollen, und was nicht dein ist, soll dir gehören.“
3
Unaufgeregtheit. Zwar bedenkt der Weise einiges, aber insgesamt schenkt er nur wenigen Dingen Beachtung. Er versteht die Kunst, Angelegenheiten nicht ernster zu nehmen, als sie sind. In Handorakel und Kunst der Weltklugheit rät Balthasar Gracián (1601-1658): „Nie übertreiben. Es sei ein wichtiger Gegenstand unsrer Aufmerksamkeit, nicht in Superlativen zu reden; teils um nicht der Wahrheit zu nahe zu treten, teils um nicht unsern Verstand herabzusetzen.“ Sich nicht vollkommen aus der Reserve locken lassen, immer etwas Abstand behalten, zu sich, zum Leben, zur Welt. Ein knappes Jahrhundert vor Gracián beschreibt Montaigne seine Ökonomie der Aufmerksamkeit ganz ähnlich: „Ich trage große Sorge, dieses Vorrecht des Gleichmuts, das schon von Natur bei mir recht weit geht, mit Bedacht und Erwägung weiter zu fördern. Ich nehme wenige Dinge zu Herzen, und darum erregen mich wenige. Mein Blick ist klar, aber ich hefte ihn auf wenige Gegenstände; mein Sinn zart und empfindsam.“ Sich erhitzen lohnt selten. Denn die besagten „Dinge“ sind oft unwesentlich oder eben unveränderbar. Das macht sie aus handlungsorientierter Sicht kaum einer Diskussion würdig, wie Epiktet um die Wende des ersten Jahrhunderts erläuterte: „…wenn es etwas betrifft, das nicht in unserer Gewalt ist, so sprich nur jedes Mal sogleich: ‚Geht mich nichts an!’”
4
Loslassen. Ein Weiser muss stark genug sein, nicht zu handeln. Gracián schrieb dazu: „Im Treiben des menschlichen Lebens gibt es Strudel und Stürme der Leidenschaften; dann ist es klug, sich in den sicheren Hafen der Furt zurückzuziehen. Oft verschlimmern die Mittel das Übel; darum lasse man hier dem Physischen, dort dem moralischen seinen freien Lauf. Der Arzt braucht gleich viel Wissenschaft zum Nichtverschreiben wie zum Verschreiben, und oft besteht die Kunst gerade in der Nichtanwendung der Mittel.“ Nicht einzugreifen bedeutet: Nicht nach dem eigenen Platz im Geschehen haschen, sich seiner selbst im Handeln nicht vergewissern müssen. Die Kunst, nicht zu handeln, ist auch ein zentraler Gedanke des Taoismus. In Tao tue King, dem drei Jahrtausende alten „Buch vom Sinn und Leben“, stellt Laotse fest:
„Wer selber scheinen will,
wird nicht erleuchtet.
Wer selber etwas sein will,
wird nicht herrlich.
Wer sich selber rühmt,
vollbringt nicht Werke.
Wer selber sich hervortut,
wird nicht erhoben.
Er ist für den SINN wie Küchenabfall und Eiterbeule.
Darum: Wer den SINN hat,
weilt nicht dabei.“
5
Flexibilität. Der Weise ist selten vollkommen überzeugt, gesättigt oder zufrieden. Beständig lernt er dazu, wie der Meister in den rund 2500 Jahre alten Gesprächen des Konfuzius sagt: „Einen Fehler machen und sich nicht bessern: das erst heißt fehlen.” Kontinuierlich weiterarbeiten, an sich selbst, am eigenen Handeln, an der Sicht auf die Welt. Wenn Candide am Ende von Voltaires gleichnamigen Buch beharrt: „aber wir müssen unsern Garten bestellen“, so ist der Verweis auf die profane Gartenarbeit, die Kultivierung der Erde, in seiner ironischen Doppelbödigkeit zugleich auch als aufklärerischer Aufruf zur Kultivierung des Selbst zu verstehen. Es geht darum, sich als werdend zu begreifen, das eigene Ich zu bilden.
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Zusammenleben. Neben den großen Erkenntnissen stehen kleinere, praktische Lebensweisheiten. Der Weise handelt weise, gerade im Umgang mit anderen. Er verhält sich geschickt. Er versteht es, wie der Jesuitenpater Gracián schreibt, „ohne zu lügen nicht alle Wahrheiten (zu) sagen.“ Überhaupt begibt sich der Weise nicht gerne auf Glatteis, sondern „liebt es, langsam im Wort und rasch im Tun zu sein“, so der alte chinesische Denker Konfuzius. Schließlich sucht sich der Weise das, was er anpackt, so aus, dass er es auch bewältigen kann. Er ist damit ganz dem Ratschlag des Stoikers Epiktet verpflichtet: „Wenn du eine Rolle übernimmst, der du nicht gewachsen bist, so wirst du sowohl in dieser zuschanden kommen, als auch jene, die du hättest füllen können, vernachlässigen.“ Bei allem behält der „Edle“, wie Konfuzius ihn nennt, auch seine Mitmenschen im Blick: “Sieh, was einer wirkt, schau, wovon er bestimmt wird, forsche, wo er Befriedigung findet: Wie kann ein Mensch da entwischen?” Auch im Umgang mit den anderen, im Alltagsgeschäft, in Kleinigkeiten ist der Weise ein aufgeweckter Zeitgenosse.
Fast möchte man an Boethius’ Allegorie von der schönen ehrwürdigen Frau, die die Jahrtausende durchquert, glauben. Sie gibt die immergleichen Antworten, immer wieder. Wieso aber die Wiederholung? „Mehr gehört jetzt zu einem Weisen, als in alten Zeiten zu sieben, und mehr ist erfordert, um in diesen Zeiten mit einem einzigen Menschen fertig zu werden, als in vorigen mit einem ganzen Volke“, schreibt Gracián zu Beginn seines Handorakels. Der spanische Denker formuliert im 17. Jahrhundert ein Gefühl, dem jede Generation aufs Neue gegenübersteht: alleingelassen zu sein mit neuen Herausforderungen. Lebenserfahrung ist nur bedingt vererbbar. Fragen und Antworten müssen immer wieder neu gesucht werden.
Unabhängig von weltanschaulichen Gegensätzen beschreiben alle Werke der Kleinen Bibliothek etwas Ähnliches: eine geistige Haltung. Franco Volpi schreibt in seinem Nachwort zu Schopenhauers Über das Mitleid, dass „echtes Philosophieren nicht nur die Errichtung eines Gedankengebäudes oder einer Theorie erforderlich macht, sondern auch und vor allem eine Lebenswahl und Lebenseinstellung.“ So hilft die dtv-Reihe dabei, sich selbst zum Weisen zu machen.
Kleine Bibliothek der Weltweisheit (12 Titel). dtv, München 2005. Paperback. Je Titel 6,00 Euro:
Boethius: Trost der Philosophie; 160 Seiten.
Buddha: Reden; 159 Seiten.
Epiktet: Das Buch vom geglückten Leben; 77 Seiten.
Balthasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit; 174 Seiten.
Hildegard von Bingen: Über die Liebe; 108 Seiten.
Konfuzius: Gespräche; 446 Seiten.
Laotse: Tao te king; 249 Seiten.
Michel de Montaigne: Von der Freundschaft; 142 Seiten.
Friedrich Nietzsche: Ecce homo; 142 Seiten.
Arthur Schopenhauer: Über das Mitleid; 160 Seiten.
Seneca: Von der Kürze des Lebens; 93 Seiten.
Voltaire: Candide; 175 Seiten.
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