|
| | |
Zwischen 1921 und 1951 schrieb Vladimir Nabokov regelmäßig Kurzgeschichten und veröffentlichte sie in Magazinen (während seiner Zeit in Berlin meist in der Emigrantenzeitung "Rul", später vor allem in "Russkije Sapiski", Paris; in Amerika meist im "New Yorker"). 67 seiner erhaltenen Texte sind von Rowohlt in chronologischer Reihenfolge in 4 Bänden veröffentlicht.
Bevor ihn Lolita reich und berühmt machte, hielt sich Nabokov als Tennis- und Sprachlehrer (in Berlin und Frankreich) und als Universitätsdozent (in Amerika) mehr schlecht als recht über Wasser. Kurzgeschichten, gegen Honorar in Literaturzeitschriften veröffentlicht, waren ein rentabler Nebenverdienst. Entsprechend merkt man vielen seiner Texte ihre Flüchtigkeit, Skizzenhaftigkeit an. Sie sollten in erster Linie gefallen, leichtverdaulich und - vor allem - gutverkäuflich sein.
Deshalb herrscht eine gewisse Sentimentalität vor. In den meisten Geschichten geht es um scharf konturierte, latent jämmerliche Emigrantenfiguren, denen das Schicksal in die Suppe spuckt: "Tschorbs Rückkehr" (Text Nr. 20), "Die Klingel" (26), "Ein Ehrenhandel" (27), "Die Benachrichtigung" (42), oder "Vollkommenheit" (37). Überhaupt ist das Leben in der Fremde ein häufiges Thema: "Die Hafenstadt" (08), "Osterregen" (18), "Das Wiedersehen" (33).
Und besonders gerne wird durch Omen und düstere Vorahnungen ein Konflikt angedeutet, der dann im völligen Antiklimax endet. Zum Beispiel in "Das Rasiermesser" (22), "Der Mitreisende" (25), "Ein beschäftigter Mann" (31), "Der Kreis" (41) oder "Eine russische Schönheit" (43), oder "Lik" (52).
Auf der anderen Seite stellen viele eher reflexive Texte die Sinnlichkeit alltäglicher Erfahrungen in den Mittelpunkt, unter anderem: "Götter" (05), "Güte" (07), "Berlin, ein Stadtführer" (21), "Musik" (36), "Träger Rauch" (45) und "Musterung" (46). Oder die kleinen, grotesken Muster, in denen sich einzelne Lebensfäden verweben, wie in "Zufall" (10) "Die Schlägerei" (19), "Das Rasiermesser" (22) und "Frühling in Fialta" (49).
Deutsche Figuren tauchen recht selten auf. Wenn, dann meist als armselige Verlierertypen ("Einzelheiten eines Sonnenuntergangs" (11), "Pilgram" (29)) oder gefährliche Ignoranten, am deutlichsten in in "Der neue Nachbar" (40) und "Wolke, Burg, See" (50).
Besonders irritierend ist die Häufigkeit mit der Nabokov - anders als in seinen Romanen - übersinnliche Elemente aufbringt. In den früheren Geschichten wirkt dieser Kunstgriff sehr oft nach bloßer Effekthascherei: "Der Schlag des Flügels" (02), "Das Gewitter" (12), oder die beiden etwas plump mit Kinderbuchmotiven spielenden Texte "Der Drache" (14) und "Ein Märchen" (23). Erst in seinen letzten Kurzgeschichten kehrt Nabokov wieder verstärkt zu surrealistischen Elementen und Metaphysik zurück, dann aber wesentlich schwungvoller und souveräner: "Der Museumsbesuch" (53), "Zeichen und Symbole" (63), "Die Schwestern Vane" (66).
Obwohl ein Großteil von Nabokovs Kurzgeschichten allenfalls für Komplettisten interessant sein dürften, gibt es auch eine Handvoll sehr gelungener Texte. Hier schafft es Nabokov, suggestive Felder aufzubauen, die mit seinen besten Romanen mithalten können. Einmal gelesen, saugen sie sich im Kopf fest, für lange Zeit. "Hier wird Russisch gesprochen" (04), "Tschorbs Rückkehr" (20), "Die Klingel" (26), "Die Benachrichtigung" (42), "Wolke, Burg, See" (50) und "Zeichen und Symbole" (63) sind wahre Lichtblicke, und entschädigen für das Füllwerk, das sie umgibt.
Übersicht:
01: Geisterwelt (Orig. auf Russisch, "Neshit"), 1921
Ein Mann sitzt nachts am Schreibtisch und arbeitet, als es an der Tür klopft. Sein Besuch ist kein Mensch, sondern ein Waldgeist, der die Zustände in Russland nicht mehr aushielt und dem Land nach der Revolution den Rücken gekehrt hat. Er fühlt, dass er bald sterben wird, doch bevor der Erzähler etwas erwidern kann, ist der Geist plötzlich wieder verschwunden.
02: Der Schlag des Flügels (Orig. auf Russisch, "Udar kryla"), 1923
Kern, ein Mittdreißiger, dessen Frau Selbstmord begangen hat, macht Skiurlaub in der Zermatt. Dort lernt er Isabel kennen, die ihn von seinen eigenen Selbstmordgedanken ablenkt. Bis er herausfindet, dass sie von einem riesigen Engel bedroht und sexuell genötigt wird. Kern verprügelt den Engel, doch am nächsten Tag stirbt Isabel bei einem Skiunfall, als sie mitten in der Luft von einem riesigen, unsichtbaren Flügel gestreift wird. Kern folgt ihr in den Tod, indem er sich noch am selben Tag erschießt.
03: Klänge (Orig. auf Russisch, "Swuki"), 1923
Herrenhaus, Sommerfrische: Ein reicher Jugendlicher hat eine Affäre mit der Nachbarin, deren Mann beim Militär ist. Sie verbringen einen Tag im Dorf, doch abends kündigt sich der Ehemann and und sie beendet die Affäre. Auf dem Heimweg wird dem Jugendlichen klar, dass er in die ganze Welt verliebt war, nicht nur in die Nachbarin, und ist plötzlich sehr glücklich, trotz allem.
04: Hier wird Russisch gesprochen (Orig. auf Russisch, "Goworja po-russki"), 1923
Berlin in den 20ern. Der Erzähler, ein junger Russe, bekommt von Martyn Martynitsch, dem Inhaber eines Tabakladens, ein Geheimnis anvertraut: Seit mehreren Monaten hält die Familie einen Tschekisten im Badezimmer gefangen. Die ganze Familie hilft mit, den armen Kerl zu verpflegen, niemand will ihn jemals wieder freilassen. Der Erzähler lässt ihn sich zeigen, schmunzelt und geht wieder.
05: Götter (Orig. auf Russisch, "Bogi"), 1923
Ein junger Mann verbringt eine regnerische Nacht und einen sehr sonnigen Frühlingsmorgen, indem er an seine Geliebte denkt und ihr im Geiste die Geschichte eines Huhns erzählt, das vor 150 Jahren von einem Erfinder in einem Heißluftballon durch Frankreich getragen wurde, über einem Bauernhof abstürzt, vier goldene legt und dann mit eigener Kraft davonfliegt. Er fühlt sich sehr glücklich, regelrecht unsterblich, und beschwört die Magie des Alltags.
06: Rache (Orig. auf Russisch, "Mest"), 1924
Ein englischer Professor, der seine untreue Frau bestrafen will, transportiert ein Skelett über den Ärmelkanal und legt es ins Ehebett. Die Frau wacht auf, erschrickt sich und stirbt an einem Herzinfarkt.
07: Güte (Orig. auf Russisch, "Blagost"), 1924
Ein junger Mann hat sich mit seiner Geliebten am Brandenburger Tor verabredet und verbringt mehrere Stunden damit, auf sie zu warten. Doch anstatt frustriert oder wütend zu werden, beobachtet er die Passanten und begreift plötzlich, wie glücklich es ihn macht, am Leben zu sein.
08: Die Hafenstadt (Orig. auf Russisch, "Port"), 1924
Ein Exilrusse verlässt Konstantinopel, um in einer südfranzösischen Hafenstadt sein Glück zu versuchen. Er schlägt einen Tag in den Kneipen und Gassen des Hafenviertels tot und trifft am Abend eine Frau, die er aus Russland kennt und die ihm viel bedeutet. Doch als er sie anspricht, erweist sie sich als Einheimische. Traurig geht er weiter zum Strand und starrt auf die Sterne.
09: Der Kartoffelelf (Orig. auf Russisch, "Kartofelnyj elf"), 1924
Als Assistent eines Zauberkünstlers tourt der kleinwüchsige Frederic Dobson durch England - bis er sich in Nora, die Frau seines Chefs verliebt. Die beiden haben Sex, der Zauberer kommt dahinter und gibt vor, aus Gram Gift getrunken zu haben. Als sie glaubt, er würde sterben, wird ihr klar, wie sehr sie ihn liebt. Dobson zieht nach Drowse, einer nordenglischen Provinzstadt, und verlässt fast acht Jahre lang nicht mehr das Haus. Dann taucht Nora auf und sagt ihm, er sei der Vater ihres Kindes. Dobson reagiert kühl, aber als sie fort ist, will er sie einholen und ihr seine Liebe gestehen. Er rennt zum Bahnhof und stirbt vor Erschöpfung vor ihren Füßen. Als die Umstehenden eine Erklärung verlangen, sagt Nora, sie kenne Dobson nicht, und vor wenigen Tagen sei ihr Sohn gestorben.
10: Zufall (Orig. auf Russisch, "Slutschainost"), 1924
Der Speisewagenkellner Lushin lebt im Exil, ist kokainsüchtig und hat den Kontakt zu seiner Frau Jelena verloren, die er in Russland zurückließ. An dem Abend, als er beschließt, sich von einem ankoppelnden Waggon enthaupten zu lassen, ist auch seine Frau zufällig an Bord des Zuges, doch die beiden treffen sich nicht. Ohne von ihrer Anwesenheit zu wissen, bringt sich Lushin um.
11: Einzelheiten eines Sonnenuntergangs (Orig. auf Russisch, "Katastrofa"), 1924
Mark Standfuß, einer junger deutscher Verkäufer, weiß nicht, dass ein attraktiver Ausländer, der Klaras Herz gebrochen hat, zurück in der Stadt ist. Klara beschließt, sich sofort von Mark zu trennen. Ahnungslos auf dem Weg zu ihr verpasst Mark knapp seine Haltestelle und springt aus der fahrenden Bahn. Er geht zu Klara, die sehr fürsorglich und liebevoll ist, und bemerkt nur langsam, dass er immer noch auf der Straße liegt, in einen Verkehrsunfall verwickelt, sterbend.
12: Das Gewitter (Orig. auf Russisch, "Grosa"), 1924
Während eines Gewitters sieht ein Mann aus dem Fenster und bemerkt, dass der Prophet Elias mit seiner fliegenden Donnerkutsche in den Hof der Mietskaserne gestürzt ist. Er hilft Elias, ein abgesprungenes Rad zu suchen, und sieht gerührt zu, wie er davonfliegt.
13: Die Venezianerin (Orig. auf Russisch, "Wenezianka"), 1924
Zum Unwillen seines Vaters möchte Frank Künstler werden. Während eines Wochenendes im Sommer, das er zusammen mit seinem Studienfreund Simpson in dem Landhaus seiner Familie verbringt, trifft er auf einen Kunstsammler und seine Frau Maureen. Sie haben Franks Vater gerade "Die Venezianerin" verkauft, ein Luciani-Portrait einer Patrizierin, die aussieht wie Maureen. Simpson verliebt sich in Maureen, steigt ins Gemälde und erstarrt. Am nächsten Morgen ist er fort, doch sein Abbild findet sich auf der Leinwand. Franks Vater kratzt wütend die Farbe ab, dann merkt er, dass auch Maureen und Frank verschwunden sind: "Die Venezianerin" ist nicht von Luciani. Frank hat das Bild während des Sommers gemalt, den er mit Maureen in Italien verbrachte, die beiden sind ein Paar und über alle Berge. Simpson erwacht derweil im Garten und kann sich an nichts mehr erinnern.
14: Der Drache (Orig. auf Russisch, "Drakon"), 1924
Als seine Mutter von einem Ritter ermordet wird, verzieht sich ein junger Drache für 1000 Jahre in eine Höhle. Dann, eines Tages, geht er in die Stadt - und gerät in den Werbekrieg zweier rivalisierender Tabakfirmen. Als "Wunderwerk" den (vom Verzehr Betrunkener) benebelten Drachen mit Plakaten beklebt hat, beschließt "Großer Helm" einen Gegenangriff in Form eines Ritters. Der Drache erschrickt, rennt zurück in seine Höhle und stirbt an einem Herzinfarkt.
15: Bachmann (Orig. auf Russisch, "Bachman"), 1924
Die todkranke Mme Perow verliebt sich in Bachmann, einen labilen Konzertvirtuosen, und manövriert ihn drei Jahre lang durchs Leben. Am Abend eines sehr wichtigen Konzertes hat er einen Zusammenbruch, sie verbringt die Nacht mit ihm, und am nächsten Morgen ist Bachmanns Karriere ruiniert und Mme Perow tot. Bachmann wird in ein Sanatorium eingewiesen und stirbt.
16: Weihnachten (Orig. auf Russisch, "Roshdestwo"), 1924
Slepzow, der Verwalter eines Landsitzes bei St. Petersburg, hat seinen einzigen Sohn verloren, einen Schmetterlingssammler. Am Vorabend von Weihnachten will er sich umbringen, als die Hitze des Kamins eine obskure, vertrocknete Puppe bersten lässt und einen wunderschönen, lebendigen Atlasspinner freigibt.
17: Ein Brief, der Russland nie erreichte (Orig. auf Russisch, "Pismo w Rossiju"), 1924
Ein Emigrant schreibt einen Brief an seine Jugendliebe, die in Russland zurückblieb. "Jahrhunderte werden vergehen, und Schulkinder werden über der Geschichte unserer Umwälzungen gähnen; alles vergeht, aber mein Glück, mein Liebes, mein Glück wird weiterbestehen: in der feuchten Spiegelung einer Straßenlaterne [...], im Lächeln eines tanzenden Paares, in allen, womit Gott die Einsamkeit des Menschen so großzügig umgibt."
18: Osterregen (Orig. auf Russisch, "Pas-chalnyj doshd"), 1925
Josefine war Gouvernante einer reichen russischen Familie und litt jahrelang unter Heimweh. Jetzt, zurück in der Schweiz, ist sie einsam und sehnt sich nach Russland. Deshalb bedrängt sie ein Emigrantenehepaar, mit ihr zur Ostermesse zu gehen. Doch dann hat sie einen Zusammenbruch, halluziniert von der Vergangenheit und hütet eine Woche lang das Bett. Nach einer Woche geht es ihr besser: "...sie fühlte, dass sie auferstanden war, dass sie zurückgekehrt war von weit her, aus dem Nebel des Glücks, der Wunder und der österlichen Heiterkeit."
19: Die Schlägerei (Orig. auf Russisch, "Draka"), 1925
Ein junger Emigrant verbringt seine Tage mit Sonnenbaden am Grunewaldsee. Dort trifft er einen Deutschen. Durch Zufall betritt er eines Abends dessen Berliner Kneipe und lernt Emma kennen, seine hübsche Tochter. Als Emmas Verlobter, ein Elektriker, sein Bier nicht zahlen will, wird er von seinem Beinahe-Schwiegervater auf der Straße verprügelt. "Weder weiß ich noch möchte ich wissen, wer in dieser Sache Unrecht hatte und wer Recht. [... Doch vielleicht kommt es darauf gar nicht an], sondern vielmehr darauf, wie Licht und Schatten auf einem lebenden Körper spielen oder wie sich Bagatellen an diesem bestimmten Tag, in diesem bestimmten Augenblick auf einzigartige und unnachahmliche Weise harmonisch versammeln."
20: Tschorbs Rückkehr (Orig. auf Russisch, "Wroswraschtjenije Tschorba"), 1925
Nachdem seine deutsche Frau auf ihrer Hochzeitsreise starb, kehrt Tschorb in ihre Geburtsstadt zurück, um ihren Eltern die Nachricht ihres Todes zu übermitteln. Doch die beiden sind in der Oper, also nimmt sich Tschorb ein Hotelzimmer. Er versucht, mit einer Prostituierten zu schlafen, bekommt eine Panikattacke, und dann tauchen die Eltern auf, in Erwartung ihrer Tochter, und blicken ratlos auf eine Szene, die sie nicht begreifen.
21: Berlin, ein Stadtführer (Orig. auf Russisch, "Putewoditel po Berlinu"), 1925
Ein junger Schriftsteller reflektiert darüber, dass seine Alltagsbeobachtungen - eine Baustelle, Straßenbahnschienen, ein Besuch im Aquarium - eines Tages ein geschichtliches Dokument über eine untergegangene Epoche sein werden, und versucht, die Banalitäten seiner Gegenwart mit dem Auge eines Historikers zu betrachten.
22: Das Rasiermesser (Orig. auf Russisch, "Britwa"), 1926
Nach seinem Austritt aus dem Militär arbeitet Iwanow als Barbier in Berlin. In einem seiner Kunden erkennt er einen Rotarmisten wieder, der ihn sechs Jahre zuvor in Charkow verhört und gefoltert hatte. Iwanow gibt sich zu erkennen, als er gerade dabei ist, den Hals des Mannes zu rasieren. Dessen Angst ist ihm Genugtuung genug, und er lässt ihn ziehen.
23: Ein Märchen (Orig. auf Russisch, "Skaska"), 1926
Der naive Erwin trifft eine Frau in den Wechseljahren, die sich als Satan höchstpersönlich zu erkennen gibt. Sie macht ihm das Angebot, bis Mitternacht eine beliebige - aber ungerade - Anzahl Frauen auszusuchen, die sie ihm hörig machen will. Weil Erwin eine der Frauen nicht wiedererkennt und sie doppelt auswählt, platzt der Pakt in letzter Minute.
24: Entsetzen (Orig. auf Russisch, "Ushas"), 1926
Während seiner Arbeit entfremdet sich ein einzelgängerischer Mann so sehr vor der Welt, dass er in allen Dingen plötzlich leere, sinnlose Hüllen zu erkennen glaubt. Erst, als man ihn ans Bett seiner sterbenden Freundin ruft, kommt er wieder zu sich. Die Trauer über ihren Tod gibt ihm seine Menschlichkeit zurück.
25: Der Mitreisende (Orig. auf Russisch, "Passashir"), 1927
Um zu verdeutlichen, wie konstruiert und konventionell Literatur funktioniert, erzählt ein Kritiker einem jungen Autor von einer Zugfahrt, der mit ihm ein Schlafwagenabteil teilte und völlig aus der Fassung war. Der Zug wird angehalten, weil die Polizei vermutet, ein gesuchter Mörder befinde sich an Bord, doch die beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun.
26: Die Klingel (Orig. auf Russisch, "Swonok"), 1927
Nach Jahren in der Fremdenlegion besucht Nikolaj seine Mutter, die mittlerweile in Paris lebt. Weil sie eine Verabredung mit einem Mann hat, dem sie ihr Alter verschwieg, ist sie durcheinander und kurzangebunden. Als der Verehrer an der Tür klingelt, stehen Nikolaj und seine Mutter im Flur und können die Tür nicht öffnen. Nachdem sie Nikolaj aus der Wohnung komplimentiert hat, stürzt sie sofort zum Telefon, um ein neues Date zu arrangieren.
27: Ein Ehrenhandel (Orig. auf Russisch, "Podlez"), 1927
Ohne es zu wollen fordert Anton Petrowitsch den Liebhaber seiner Frau zum Duell, flüchtet jedoch im letzten Moment vor seinen Sekundanten. Entehrt und einsam sitzt er in der leeren Wohnung und weiß nicht mehr weiter. Dann isst er ein Schinkenbrot.
28: Eine Weihnachtserzählung (Orig. auf Russisch, "Roshdestwenskij rasskas"), 1928
Vor 25 Jahren hat Nowodworzew eine subversive Erzählung veröffentlicht, die zu einem Prozess und der Einstellung einer Literaturzeitschrift führte. Jetzt, im Exil, möchte er an alte Erfolge anknüpfen und beginnt eine Weihnachtserzählung, doch ihm fallen nur klischierte Allgemeinplätze ein.
29: Pilgram (Orig. auf Russisch, "Pilgram"), 1930
Pilgram, Deutscher und Inhaber einer Schmetterlingshandlung, träumt seit Jahren von einer lepidopterologischen Expedition. Als er eine Witwe um eine wertvolle Sammlung betrügen und sie teuer weiterverkaufen kann, beschließt er, ohne das Wissen seiner Frau heimlich abzureisen. Doch kurz bevor sein Zug fährt, erleidet er im Laden einen Herzinfarkt und stirbt.
30: Kein guter Tag (Orig. auf Russisch, "Obida"), 1931
Für Peter sind die Besuche auf dem Landsitz seiner reichen Verwandten eine Serie von Demütigungen. Beim Versteckspielen bekommt er von einer Gouvernante einen abstrusen Schlupfwinkel gezeigt und wartet aus Höflichkeit und falscher Scheu so lange in der dunklen Nische, bis er merkt, dass das Spiel längst beendet ist und alle Peter vergessen haben.
31: Ein beschäftigter Mann (Orig. auf Russisch, "Sanjatoj tschelowek"), 1931
Grafitskij befürchtet, mit 33 Jahren sterben zu müssen, und entwickelt eine Phobie. Für ein Jahr lang verlässt er kaum die Wohnung und leidet unter ständiger Angst. An seinem 34. Geburtstag traut er sich wieder vor die Tür und fühlt sich wie neu geboren.
32: Terra incognita (Orig. auf Russisch, "Terra incognita"), 1931
Eine Schmetterlingsjagd in den Tropen verwandelt sich in einen Alptraum, als ein Forscher an Fieber erkrankt, die Träger desertieren und Essen und Medikamente ausgehen. Im Delirium stellt er sich vor, er läge sterbend in einem Krankenzimmer und würde von einer Schmetterlingsjagd in den Tropen halluzinieren.
33: Das Wiedersehen (Orig. auf Russisch, "Wstretscha"), 1931
Lew trifft Serafim wieder, seinen Bruder, der nach der Revolution in Russland zurückblieb. Der arme Emigrant versucht, ihn über zu bewirten, aber es fehlt an Geld, Kohlen und Gesprächsthemen. "Was soll eigentlich ein Wiedersehen mit dem eigenen Bruder nach zehn Jahren, wenn man dann nur irgendwelchen spießigen Mist von Leonhard Frank diskutiert?". Am nächsten Tag geht Lew spazieren und erinnert sich unvermittelt an den Namen eines Hundes eines Mädchens während eines Sommers in ihrer gemeinsamen Kindheit, der ihm am Vorabend nicht einfallen wollte.
34: Mund an Mund (Orig. auf Russisch, "Usta k ustam"), 1931
Ilja Borrisowitsch Tal, ein reicher Unternehmer, möchte Autor werden und schickt seinen klischierten Liebesroman an eine Emigrantenzeitschrift. Auf einer Party hört er mit, wie der Herausgeber zugibt, den Text nur gedruckt zu haben, weil die Zeitschrift ohne Tals finanzielle Unterstützung eingehen würde. Tal beschließt, trotzdem weiterhin zu schreiben.
35: Meldekraut oder Unglück (Orig. auf Russisch, "Lebeda"), 1932
Ein St. Petersburger Schuljunge erfährt erst von seinen Klassenkameraden, dass sein Vater zu einem Duell gefordert wurde, traut sich aber nicht, seinen Vater darauf anzusprechen. Er steht Todesqualen aus, bis ihm schließlich gesagt wird, dass das Duell bereits stattfand und niemand verletzt wurde.
36: Musik (Orig. auf Russisch, "Musyka"), 1932
Viktor bemerkt auf einem Kammerkonzert, dass seine Exfrau, die sich vor zwei Jahren von ihm getrennt hat, einige Stuhlreihen hinter ihm sitzt. Er fühlt sich unwohl und möchte schnell wieder gehen, doch als das Klavier verstummt und sie ihm zuvorkommt, wird ihm erst klar, dass ihn die Musik noch für ein letztes Mal mit ihr verbinden konnte, und dass diese Verbindung jetzt wieder gelöst ist.
37: Vollkommenheit (Orig. auf Russisch, "Sowerschenstwo"), 1932
Der bettelarme herzkranke Hauslehrer Iwanow begleitet seinen halbwüchsigen Schüler David in die Sommerfrische an die Ostsee, hat aber Komplexe wegen seiner Armut und Angst vor dem Wasser. Als David im Meer einen Krampf vortäuscht, will Iwanow ihn retten und stirbt an einem Infarkt.
38: Ein flotter Herr (Orig. auf Russisch, "Chwat"), 1932
Kostja, ein schmieriger Handlungsreisender, lernt im Zug eine junge Deutsche kennen und möchte seine Frau mit ihr betrügen. Er begleitet sie zu ihrer Wohnung und schickt sie dann fort, um Lebensmittel zu kaufen. Dann klingelt es an der Tür: Ihr Vater liegt im Sterben. Als sie zurück ist, sagt er ihr nichts. Sie haben hastigen und unbefriedigenden Sex, dann verschwindet Kostja mit dem Vorwand, Zigaretten zu kaufen, zum Bahnhof.
39: Die Nadel der Adimariltät (Orig. auf Russisch, "Admiraltejskaja igla"), 1933
Ein Mann glaubt in einem populären Liebesroman die Geschichte seiner ersten großen Liebe zu erkennen. Unter der Annahme, dass sich hinter dem Autorenpseudonym seine Verflossene verbirgt, schreibt er einen traurigen Brief und fragt sie, warum sie aus der gemeinsamen Vergangenheit trivialen Kitsch machen musste.
40: Der neue Nachbar (Orig. auf Russisch, "Koroljok"), 1933
Anton und Gustav, zwei deutsche Brüder, stören sich an Romantowski, einem scheuen und belesenen neuen Mieter. Sie biedern sich bei ihm an, versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen und fühlen sich von seinem ausweichenden Verhalten so provoziert, dass sie Anna, Gustavs Freundin, überreden, mit ihm ins Kino zu gehen. Dann lauern sie Romantowski und Anna auf und erstechen ihn. Erst nach seinem Tod wird klar, dass er kein entrückter Literat, sondern Geldfälscher war.
41: Der Kreis (Orig. auf Russisch, "Krug"), 1934
"Nichts geht verloren, nicht das mindeste; das Gedächtnis sammelt Schätze, in Dunkel und Staub wachsen gehortete Geheimnisse, und eines Tages wünscht in einer Leihbücherei ein zufällig vorbekommender Besucher ein Buch, das in 22 Jahren noch niemand verlangt hatte." Bytschkow, der Sohn des Kutschers der reichen Familie Godunow-Tscherdynzew, verliebt sich die 16jährige Tanja (die Schwester von Fjodor aus Nabokovs Roman "Die Gabe"). Trotz des Standesunterschieds verbringen die beiden einen gemeinsamen Sommer. Nach der Revolution flüchtet Tanja nach Paris, und als Bytschkow sie nach vielen Jahren besucht, ist er überrascht, dass sie sich noch immer gern an ihre gemeinsame Zeit erinnert.
42: Die Benachrichtigung (Orig. auf Russisch, "Opoweschtschenije"), 1934
Die Emigrantenwitwe Jewgenia Minz ist schwerhörig. Als ihre Freunde vom Unfalltod ihres einzigen Sohnes Mischas erfahren, wissen sie nicht, wie sie es ihr sagen sollen. Jewgenia geht ahnungslos einkaufen, und als sie am Nachmittag in ihre Wohnung zurückkehrt, stellen sich immer mehr Besucher ein. Glücklich bewirtet sie ihren gesamten Freundeskreis, und keiner bekommt die Nachricht über die Lippen.
43: Eine russische Schönheit (Orig. auf Russisch, "Krassawiza"), 1934
Olga, eine wunderschöne Emigrantin, steht sich in Liebesdingen selbst im Weg, wird immer älter, einsamer, mittelloser und verzweifelter. Ihre Freundin Vera lädt sie auf ihr Landhaus ein, um ihr einen hässlichen, aber freundlichen älteren Mann vorzustellen. Olga ist verstockt und hasst sich selbst dafür, doch der Mann gibt nicht nach und die beiden werden ein sehr glückliches Paar. "Im Sommer darauf starb sie im Wochenbett. Das ist alles."
44: L.I. Schigajew zum Gedenken (Orig. auf Russisch, "Pamjati L.I. Schigajewa"), 1934
"Mein Leben ist ein ständiger Abschied von Dingen und Menschen, die nur zu oft meinem bitteren, kurzen, irrsinnigen Gruß nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken." Vor elf Jahren hatte der Schriftsteller Viktor nach der Trennung von einer Deutschen einen Nervenzusammenbruch, begann zu trinken und von kleinen Dämonen zu halluzinieren, die sich auf seinem Schreibtisch lümmeln. Der reiche Schigajew nimmt Viktor unter seine Fittiche. Jetzt, nach seinem Tod, versucht Viktor einen Nachruf auf den herzensguten, aber banalen Menschen zu verfassen: "Was war nur das Geheimnis seines Charmes, wenn alles an ihm so abgedroschen war?"
45: Träger Rauch (Orig. auf Russisch, "Tjashjolyj dym"), 1935
Grischa, ein belesener 19jähriger Exilrusse in Berlin (in seinem Bücherregal steht "Lushins Verteidigung" von V. Sirin), liegt auf dem Sofa und versucht, die Beobachtungen und Bilder in seinem Kopf in Verse zu verwandeln, und versinkt in Beobachtungen über die Natur künstlerischer Inspiration.
46: Musterung (Orig. auf Russisch, "Nabor"), 1935
Wassilij Iwanowitsch, ein ältlicher Emigrant, sitzt auf einer Parkbank auf einem Berliner Friedhof und denkt über die Verluste in seinem Leben nach, über seine Flucht aus Russland und den Tod seiner Schwester. Dann plötzlich enthüllt der Ich-Erzähler, ein junger Autor, dass er den Mann auf der Parkbank gar nicht kennt: Wassilij Iwanowitsch ist ein Konstrukt, inspiriert von der Zufallsbegegnung auf dem Friedhof.
47: Aus dem vollen Menschenleben (Orig. auf Russisch, "Slutschaj is shisni"), 1935
"Ich kauerte mich neben ihn, klopfte die Kissen um uns herum zurecht und verfiel in Nachdenken, gab mich mit aufgestützter Wange frauenhaften Gedanken hin." Das erste und einzige Mal erzählt Nabokov aus der Perspektive einer Frau. Sie wird von Pawel, einem ehemaligen Freund ihrer Bekannten Lena, aufgefordert, ein letztes Treffen mit zwischen den beiden zu arrangieren. Als sie sich schließlich in einem Berliner Café verabreden, zückt Pawel eine Pistole und schießt auf Lena. Er trifft nicht und wird von der Polizei abgeführt, und die Erzählerin begreift, dass sie für Pawel nur Mittel zum Zweck war.
48: Mademoiselle O (Orig. auf Französisch, "Mademoiselle O"), 1936
Nabokovs einziger längerer auf Französisch verfasster Text schildert seine Erinnerungen an "Mademoiselle O" (Cecile Miauton), die Schweizer Gouvernante seiner Kindheit. Die autobiografische Skizze wurde zum Grundstein von Nabokovs Autobiografie "Erinnerung, sprich". Miautons weiterer Lebensweg wird (fiktionalisiert) in der Kurzgeschichte "Osterregen" und in "Das wahre Leben des Sebastian Knight" fortgesetzt.
49: Frühlingi n Fialta (Orig. auf Russisch, "Wesna w Fialte"), 1936
In Fialta, einem (fiktiven) Küstenstädtchen, trifft der Exilrusse Viktor eine Frau namens Nina wieder, die ihm bereits in der Vergangenheit wieder und wieder zufällig über den Weg lief ("das genaue Wort für unsere Art der Beziehung will mir nicht einfallen."). Nina ist verheiratet, Viktor lebt als Schriftsteller in Berlin, und während die beiden durch die Stadt bummeln, steht die Möglichkeit einer Liebesbeziehung im Raum. Doch Nina und ihr Mann verlassen Fialta bald wieder. Ihr Auto kollidiert mit dem Lastwagen eines Wanderzirkus', und Nina stirbt.
50: Wolke, Burg, See (Orig. auf Russisch, "Oblako, osero, baschnja"), 1937
Auf einer Wohltätigkeitstombola gewinnt der in Berlin lebende Russe Wassilij Iwanowitsch eine Gruppenreise durch Deutschland. Als Ausländer steht er sofort unter Verdacht, sich absondern zu wollen, seine Mitreisenden triezen und verspotten ihn. Als die Gruppe an einem idyllischen See ankommt, beschließt Wassilij, sein Berliner Leben aufzugeben und sich in der Gegend nach einer Wohnung umzusehen. Die Mitreisenden beschimpfen ihn als Verräter, zerren ihn zurück in den Zug, peitschen ihn mit einem Gürtel aus und bohren ihm einen Korkenzieher durch seine Handflächen und Füße. "Alle hatten einen Heidenspaß". Zurück in Berlin, beschließt Wassilij, sich das Leben zu nehmen.
51: Tyrannenvernichtung (Orig. auf Russisch, "Isteblenije tiranow"), 1938
Ein Diktator hat die Macht übernommen und das Land in einen obskuren Agrarstaat verwandelt. Der Erzähler, dessen Bruder als junger Mann mit dem Diktator befreundet war, überlegt, wie er ihn beseitigen kann, kommt jedoch zu keinem Entschluss. Er überlegt, ob er sich selbst umbringen soll, um damit die Erinnerung an die Jugend des Diktators zu vernichten, doch dann bekommt er einen hysterischen Anfall und begreift, dass nur der Wahnsinn im Zuflucht gewähren kann. Statt etwas zu unternehmen, flüchtet er sich in irres Gelächter.
52: Lik (Orig. auf Russisch, "Lik"), 1938
Lik, Exilrusse und Schauspieler, tourt mit einem Stück durch die Provinz Südfrankreichs. Er hat eine Herzkrankheit, von der er weiß, dass sie ihm bald das Leben kosten wird. In einer Stadt am Mittelmeer, er hat sich gerade neue Schuhe gekauft, trifft er Oleg Koldunow, einen ehemaligen Mitschüler, der ihn jahrelang gedemütigt hat. Oleg zeigt ihm die erbärmlichen Verhältnisse, in denen er lebt, Lik fühlt sich angegriffen und geht. Am Strand bekommt er Herzrasen und kann sich kaum beruhigen. Da fällt ihm ein, dass er seine neuen Schuhe bei Oleg vergessen hat. Zurück in dessen Wohnung sieht er Olag am Boden liegen, "das Gesicht von dem Gewehrschuss in den Mund zerschmettert, seine weit gespreizten Füße in neuen, weißen... ‚Die da gehören mir', sagte Lik auf Französisch."
53: Der Museumsbesuch (Orig. auf Russisch, "Posseschtenije museja"), 1939
"Als vor ein paar Jahren einer meiner Pariser Bekannten - milde gesagt: ein etwas wunderlicher Mann - erfuhr, dass ich zwei oder drei Tage in Montisert verbringen würde, bat er mich, das dortige Museum aufzusuchen, wo, wie er gehört hatte, ein Portrait von Leroy hängen sollte, das seinen Großvater darstellte." Zwar findet der Erzähler das Portrait bald, aber dann verläuft er sich in dem kleinen Provinzmuseum. Nach Stunden des Umherirrens tritt er durch eine Tür und befindet sich im Russland der Sowjets. Dort wird er festgenommen.
54: Wassilij Schischkow (Orig. auf Russisch, "Wassilij Schischkow"), 1939
Der Literat Gospodin Nabokov bekommt von Wassilij Schischkow, einem jungen Dichter einige vielversprechende Werke vorgelegt. Nabokov verspricht, ihn zu unterstützen, doch das Nachwuchstalent hadert so sehr mit der Welt, dass er eines Tages spurlos verschwindet. Nur seine Gedichte bleiben zurück. Vladimir Nabokov lüftete mit dieser Kurzgeschichte das Geheimnis um "Wassilij Schischkow", den er erfunden hatte, um den berühmten Kritiker Georgij Adamowitsch zu narren. Adamowitsch hat Nabokovs Werk zerrissen, war von den Gedichten seines heimlichen Alter Egos Schischkows allerdings sehr angetan.
55: Der Zauberer (Orig. auf Russisch, "Wolschebnik"), 1939
Diese Erzählung über einen Vierzigjährigen, der ein vorpubertäres Mädchen begehrt, nimmt einige zentrale Elemente von "Lolita" vorweg. Ausführliche Besprechung: Der Zauberer
56: Ultima Thule (Orig. auf Russisch, "Ultima Thule"), 1939/40
"Falter steht außerhalb unserer Welt, in der wahren Wirklichkeit": Der Maler Sineussow hat kürzlich seine Frau verloren. Also nimmt er Kontakt zu Adam Falter auf, einem mysteriösen Mann, der vorgibt, das Rätsel des Universums gelöst zu haben. Doch Falter versichert, dass die Wahrheit alle anderen Menschen sofort um den Verstand bringen würde, und Sineussow gelingt es nicht, etwas über seine Frau und das Leben nach dem Tode herauszufinden. Zusammen mit "Solus Rex", einer Geschichte, die in Ultima Thule spielt, einen obskuren Land aus dem obskuren Versepos eines nordischen Dichters, der Sineussow beauftragte, Illustrationen für seinen Text anzufertigen und dann spurlos verschwand, bildet "Ultima Thule" das Fragment eines russischen Romans, den Nabokov 1939/40 schreiben wollte, doch dann wieder verwarf.
57: Solus Rex (Orig. auf Russisch, "Solus Rex"), 1939/40
K ist der König von Ultima Thule, einem kleinen Inselreich im Norden. Um König zu werden, musste er Prinz Adulf, seinen Cousin, beseitigen, einen wahnsinnigen Homosexuellen, von dessen Dekadenz sich das Volk angegriffen fühlte. In "Solus Rex" erinnert sich K an einen Scheinprozess gegen einen unschuldigen Revolutionär, der einen Präzedenzfall schaffen sollte, um Adulf juristisch belangen zu können.
58: Der Regieassistent (Orig. auf Englisch, "The Assistant Producer"), 1943
Ein Kinoproduzent erzählt von "La Slavska", einer berühmten exilrussischen Sängerin im Paris der 1930er. Sie war mit General Golubkow verheiratet, einem ehemaligen Weißrussen, jetzt Tripelagent. Als das Paar für die Sowjets einen von Golubkows Kollegen spurlos verschwinden lässt, kommen dessen Vorgesetzten der Verschwörung auf die Spur. Golubkow und La Slavska werden inhaftiert, die Sängerin stirbt "einige Jahr nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs". So obskur die Geschichten klingen mag, und so cineastisch und künstlich sie erzählt wird - "Der Regieassistent" beruht auf dem (Doppel)Leben der Sängerin/Geheimagentin Nadeshda Plewizkaja, die 1937 in Paris ihrem Ehemann, General Skoblin, bei der Entführung von General Jewgenij Miller half.
59: "…dass in Aleppo einst…" (Orig. auf Englisch, "'That in Aleppo once…'"), 1943
Ende der 30er, Frankreich: Um ein Ausreisevisum für Amerika zu bekommen, heiratet ein Dichter eine junge Frau. Sie wollen über die Pyrenäen nach Spanien flüchten, fahren dann aber Richtung Nizza. Auf dem Weg dorthin verschwindet die Frau, er findet sie erst in Nizza wieder, wo sie andeutet, ihn betrogen zu haben. Dann, als er Karten für eine Überfahrt nach New York hat, verschwindet sie erneut, für immer, um zu einem Mann zurückzukehren, den sie vor ihrer Heirat geliebt hat. "In jenem Augenblick begriff ich mit einem Mal, dass sie niemals existiert hatte. [...] Das Leben bis dahin war wirklich gewesen, das Leben wird von jetzt an wieder wirklich sein, hoffe ich. Nichtmorgen allerdings. Vielleicht übermorgen." Wie er sein Visum erhalten hat, kann er sich nicht erklären.
60: Ein vergessener Dichter (Orig. auf Englisch, "A forgotten Poet"), 1944
1899, auf der Feier des fünfzigsten Todestags des Dichters Perow, taucht in St. Petersburg ein Greis auf, der behauptet, er sei Perow. Die Öffentlichkeit ist bestürzt, als der ehemalige Anarchist erzählt, er sei mit der Zarenherrschaft sehr glücklich. Die Polizei lässt ihn abführen. Weitere 20 Jahre später taucht er wieder auf und übernimmt die Leitung eines sozialistischen Perow-Museums. Er signiert die Bücher, als seien es seine eigenen. Dann stirbt er. Das Museum schließt. Alles gerät in völlige Vergessenheit. Ende.
61: Zeit und Ebbe (Orig. auf Englisch, "Time and Ebb"), 1944
In den 2010ern oder 20ern erinnert sich ein neunzigjähriger Naturwissenschaftler an seine Kindheit und Jugend im Amerika der 40er Jahre. Jener Zeit, als Flugmaschinen noch erlaubt waren, als es Personenzüge gab und Wolkenkratzer, und zwischen Frankreich und Russland noch mehrere andere Staaten lagen. Bereits in "Stadtführer Berlin" reflektierte Nabokov darüber, wie es wäre, die Gegenwart wie jemandes zukünftige Erinnerung zu betrachten. "Zeit und Ebbe" schafft - ganz ohne Science-Fiction-Elemente - genau das: aus einer obskur bleibenden Zukunft heraus weckt Nabokov den "Sense of Wonder" seiner damaligen Gegenwart.
62: Genrebild 1945 (Orig. auf Englisch, "Double Talk"), 1945
Auf eine kleine Abendveranstaltung in Boston eingeladen, bemerkt der Erzähler, ein Literat im Exil, dass er mit seinem Namensvetter verwechselt wurde, einem antisemitischen Konservativen. Als er bemerkt, dass er nur von reichen Spießern um die 50 umgeben ist, die die Leistungen der Nazis bewundern und sich über die Überfremdung Amerikas sorgen, ergreift er hastig die Flucht.
63: Zeichen und Symbole (Orig. auf Englisch, "Signs and Symbols"), 1947
Ein altes Ehepaar will seinen Sohn besuchen, einen suizidalen Einundzwanzigjährigen, der in einem Heim lebt, weil er an "Beziehungswahn" leidet. Er bildet sich ein, dass die Natur ununterbrochen geheime Informationen über sein Schicksal austauscht, dass sich alle Dinge gegen ihn verschworen haben. Heute, an seinem Geburtstag, geht alles schief: Ein Stromausfall in der U-Bahn, strömender Regen, der Bus hat Verspätung. Und im Krankenhaus sagt man den beiden, der Junge habe einen weiteren Selbstmordversuch hinter sich und dürfe nicht gestört werden. Das Ehepaar fährt nach Hause, und nach Mitternacht läutet plötzlich das Telefon. Falsch verbunden, zwei Mal. Subtile Zeichen über den Zustand des Sohnes? Unbelebte Dinge, die Informationen austauschen? Das Telefon läutet ein drittes Mal.
64: Erste Liebe (Orig. auf Englisch, "Colette"), 1948
Winter in St. Petersburg, Sommerferien in Biarritz: Nabokov erinnert sich in autobiografischen Skizzen an seine frühe Kindheit. Nach "Mademoiselle O" ein weiterer Text, den er später in seine Memoiren "Erinnerung, sprich" einarbeitet.
65: Szenen aus dem Leben eines Doppelungeheuers (Orig. auf Englisch, "Scenes from the Life of a Double Monster"), 1950
Das erste Drittel einer unbeendeten Novelle: Ein Paar (männlicher) siamesischer Zwillinge wächst Anfang des Jahrhunderts in der Türkei auf, und lässt sein Heimatdorf zurück, um bei einem Zirkus sein Glück zu versuchen.
66: Die Schwestern Vane (Orig. auf Englisch, "The Vane Sisters"), 1950
Der Erzähler, ein Literaturdozent, trifft zufällig D. wieder, einen alten Kollegen, der eine Affäre mit der psychisch labilen Studentin Sybil Vane hatte. Weil D. ihre Affäre beendete, begann Sybil Selbstmord. Ihre Schwester Diana glaubt, dass sie aus dem Jenseits heraus in ihren Alltag eingreift, durch kleine Zeichen, Wendungen des Schicksals. D. sagt dem Erzähler, dass auch Diana mittlerweile tot ist, und er fragt sich, ob die Geister der beiden Schwestern auch über sein Leben wachen. Sie tun es - wie der Leser durch eine in den Anfangsbuchstaben des letzten Absatz' versteckte Botschaft erfährt ("Eiszapfen von Diana, Parkuhr von mir, Sybil."). Der Erzähler bemerkt nichts.
67: Lance (Orig. auf Englisch, "Lance"), 1951
Der Erzähler stellt sich vor, wie die Welt in der Zukunft aussehen wird. Welche Klischees aus den Science-Fiction-Magazinen wahr werden, und welche nicht. Er stellt sich Lance Bloke vor, einen jungen Astronauten, und wie er zu den Sternen fliegt, während seine Eltern in seinem alten Jugendzimmer stehen und die Chinchillas verpflegen, die er zurückgelassen hat. Wie er schließlich wiederkommt, nach vielen Abenteuern, und sofort strahlend verkündet: "Im November fliege ich wieder". Ein kleines Kabinettstück über die Ängste von Eltern, der die Lancelot-Legende in ein B-Movie-Szenario versetzt.
Besprochene Ausgaben:
Texte 01 bis 17: Vladimir Nabokov: Die Venezianerin. Erzählungen. Jugendwerke 1921-24. Deutsch von Gisela Barker, Jochen Neuberger, Rosemarie Tietze, Marianne Wiebe und Dieter E. Zimmer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 312 Seiten, Paperback. 7,50 Euro.
Texte 18 bis 44: Vladimir Nabokov: Der neue Nachbar. Erzählungen 1925-34. Deutsch von Jochen Neuberger, Blanche Schwappach, Rosemarie Tietze, Thomas Urban und Dieter E. Zimmer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 454 Seiten, Paperback. 8,50 Euro.
Texte 45 bis 57: Vladimir Nabokov: Mademoiselle O. Erzählungen 1935-39. Deutsch von Renate Gerhardt, Jochen Neuberger und Dieter E. Zimmer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 410 Seiten, Paperback. 9,90 Euro.
Texte 58 bis 67: Vladimir Nabokov: Die Schwestern Vane. Erzählungen 1943-51. Deutsch von Renate Gerhardt und Dieter E. Zimmer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 198 Seiten, Paperback. 7,50 Euro.
Stefan Mesch
|