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"Und am Donnerstag wurde Lushin dann alles klar. Schon am Vorabend war ihm ein interessantes Mittel eingefallen, ein Mittel, mit dem sich die Pläne seines geheimnisvollen Gegners vielleicht durchkreuzen ließen. Das Mittel bestand darin, mit Absicht irgend etwas Absurdes, Überraschendes zu tun, das außerhalb der systematischen Alltagsordnung lag und so die vorbereitete Zugfolge seines Gegners durcheinander brachte. Es war eine experimentelle Verteidigung, eine Verteidigung sozusagen von gut Glück - aber in seiner Angst vor der Unabwendbarkeit des nächsten Zuges war Lushin wie von Sinnen..."
Der Analysand: Alexander Iwanowitsch Lushin, professioneller Schachspieler, geboren ca. 1900 in St. Petersburg.
Das Setting: St. Petersburg, 1910; namenloser Kurort (franz. Schweiz?) und Berlin, 1929.
Die Anamnese: "Haben Sie eigentlich eine Erziehung? Wo sind Sie zur Schule gegangen? Sind Sie überhaupt schon irgendwann einmal mit Menschen zusammengekommen, haben Sie mit Menschen gesprochen?" Die Frau ist aufgebracht: In einem Kurort hat sie Lushin kennen gelernt, einen blassen, schweigsamen Exilrussen, der seit 18 Jahren als Schachspieler durch die Welt reist und sich völlig in sich zurückgezogen hat. Sie verliebt sich in ihn. Sie will ihn heiraten. Lushin interessiert das nicht. Er hat gerade die wichtigste Partie seines Lebens verpatzt. Und die Außenwelt behauptet beharrlich, er sei dabei, den Verstand zu verlieren.
"Lushins Verteidigung" ist der wärmste und menschlichste von Nabokovs Romanen. Im Mittelpunkt steht ein emotional völlig verkrustetes, fast autistisches Genie. Und eine Remis-Situation: Von einem Analytiker wird Lushin befohlen, das Schachspielen völlig aus seinem Leben zu verbannen. Nur so hätte er eine Chance, den Alltag ohne psychotische Schübe zu bewältigen. In elegant verflochtenen Handlungsfäden schildert "Lushins Verteidigung" eine unterkühlte Kindheit und den Versuch des Zehnjährigen, sich durch sein Schachtalent eine Identität zu konstruieren. Und einen langen Berliner Winter, in dem der erwachsene Lushin die Brocken zusammenrafft, die von dieser Identität noch bleiben, nachdem ihr wichtigster Bezugspunkt verschwinden musste. Liebenswürdig, aber eben nichtfähig, findet der Außenseiter seine Mitmenschen nach und nach zu bloßen Spielfiguren reduziert, und sich selbst als Schachpartner in einem Spiel, das seine komplette Realität durchzieht. Zeichen und Symbole: Hinter den fadenscheinigen Kulissen der Wirklichkeit scheint eine Kraft zum finalen Schlag gegen Lushin auszuholen. Das Porträt eines Wahnsinnigen? Oder lässt sich der Roman lösen wie ein Schachproblem? Nabokov lässt die Frage offen. Und erzeugt dadurch einen ungeheuer suggestiven Sog. Gehirntraining oder Vexierspiel? Metaphysik oder Mogelpackung? Realität oder Konstrukt? Auf der Suche nach doppelten Böden übersieht man sie fast: die tieftraurige, wunderschöne Liebesgeschichte, die dieses vertrackte Buch leichtfüßig, ganz en passant erzählt. Und die doch ihr Herzstück ausmacht.
Verknüpfungen: Schachmotive ziehen sich durch Nabokovs gesamtes Werk: Sebastian Knight setzt hinter seine Unterschrift einen knight, Springer, Kinbote aus "Fahles Feuer" unterzeichnet seine Briefe mit einer Schach-Königskrone. In "Einladung zur Enthauptung" wird gespielt (und gemogelt), und auch das in "Lushins Verteidigung" entwickelte Schachbrettmuster-Licht-Motiv kehrt zurück, als Vadim in "Sieh doch die Harlekins" mehrmals die erleuchteten Fensterreihen größerer Gebäude als Schachstellungen beschreibt: "Wir spielten eine Blitzpartie: mein Gegner zog sofort, indem er den Treppenhaus-Fächer auf d6 erleuchtete." Enge Verwandte des Protagonisten finden sich in "Bachmann" (1924), der Liebesgeschichte zwischen einem lebensunfähigen Virtuosen und einer labilen Frau, sowie im von Mustern besessenen jungen Mann aus "Zeichen und Symbole" (1947). Und in "Lushins Verteidigung" selbst haben Maschenka und Alfjorow aus Nabokovs Debüt einen kurzen Auftritt. Sie sind nach wie vor glücklich verheiratet.
Besprochene Ausgabe: Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung. Roman. Deutsch von Dietmar Schulte, bearb. Von Dieter E. Zimmer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 318 Seiten, Paperback. 7,50 Euro.
Stefan Mesch
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