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Vor zwei Jahren ging’s los: Der Fotograf und Designer Ben Schott brachte seine gesammelten Nützlichkeitsnotizen unter dem Titel „Schotts Sammelsurium“ heraus, eine „angesammelte Menge verschiedenartigster Dinge“. Obwohl dieses Synonym ein wenig altertümlich klingt, ist es ein hochaktuelles Verfahren: Das manische Sammeln von Wissensbrocken, das Anklammern an Nebensächlichkeiten ist symptomatisch für Individuen in einer überbordenden Informationsflut.
8 Löcher = 150 cm-Schnürsenkel
Der Schottsche Erstling versammelte noch recht eindringliche Wissenspartikel. Welcher Geschäftsmann möchte im Falle eines Falles auf das Wissen verzichten, welche Schnürsenkellänge er bei seinen polierten Armani-Schuhen mit 8 Löchern nehmen soll (150 cm), wenn er auf dem Weg zu seinem wichtigen Meeting nur Woolworth ohne kompetente Fachkraft liegt? Und strategisch sinnvoll ist jenes Nachschlagewerk für unverhoffte Zusammenkünfte: wenn man beispielsweise schnell Jiddisch können muss und kein Schmok (= Trottel, Idiot) sein will.
Nummer zwei des Schottschen Kompendiums bewegte sich ebenfalls noch im Rahmen von lebenswichtiger Notwendigkeit: „Essen und Trinken“. Einerseits sind hier sehr basisorientierte Beiträge zu finden. So werden die Mc-Donalds-Orte weltweit aufgezählt oder der Zusammenhang von Spargel und Urin erläutert. Doch der Gourmet und Lebemann tritt hier immer häufiger ungetarnt zu Tage, beispielsweise beim Eintrag zu „Besinnlich“: „Besinnlich nennt man das dezente Perlenspiel eines edlen Champagners.“
Abschweifende Krönung
Der dritte Band ist am wagemutigsten, er entfernt sich am weitesten vom Nutz- und Gebrauchswert der Information. Er ist die Krönung des genussvollen, lasterhaften Abschweifens. Er beschäftigt sich mit Dingen, auf die eine profitorientierte Gemeinschaft noch am ehesten verzichten könnte, ohne Gefahr zu laufen, Konkurs zu gehen: Schott lustwandelt durch „Sport, Spiel und Müßiggang“. Er notiert „einige bemerkenswerte Golfschläge“, druckt das erste Kreuzworträtsel ab, das „am 21. Dezember 1913 in der amerikanischen Zeitung New York World erschien“, und listet die „billigsten und teuersten Grundstücke bei diversen Monopolyspielen“ auf.
Dieses Buch dient wohl am meisten seinem Gegenstand: dem Müßiggang selber. Stundenlang schmökern, sich beim Lesen amüsieren, entspannen. Zwischendurch kochen, beispielsweise eine Maikäferbouillon aus Schott No. 2 (hoher Eiweißgehalt!). Und wer glaubt, er müsse nun doch schnell mal etwas Sinnvolles tun, lernt einfach das erste, zweite, dritte und nullte Gesetz der Robotik aus Schott No. 1 auswendig.
So ist Schotts Sammelsurium in seiner Dreifaltigkeit ein Ratgeber, bei dem man allein durch das Konsumieren gleich umsetzt, was er einem zum guten Leben rät. Ein bisschen Wissen, ein bisschen Notwendigkeit, eine Portion Genuss und eine Menge Muße.
Ben Schott: Schotts Sammelsurium. Berlin Verlag, Berlin 2004. 158 Seiten, Hardcover. 16,00 Euro.
Ben Schott: Schotts Sammelsurium Essen & Trinken. Berlin Verlag, Berlin 2005. 158 Seiten, Hardcover. 16,00 Euro.
Ben Schott: Schotts Sammelsurium Sport, Spiel & Müßiggang. Berlin Verlag, Berlin 2006. 160 Seiten, Hardcover. 16,00 Euro.
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