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Skalpell im komischen Werkzeugkasten


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John Vorhaus' Ratgeber "Handwerk Humor"

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Von Lino Wirag






"Adam fragt Gott: ‚Warum hast du die Frauen so dumm gemacht?' Gott antwortet: ‚Damit sie dich mögen.'"

Warum dieser Witz funktioniert? Dahinter steckt folgende Gleichung: "Komik ist Wahrheit und Schmerz." Diese weise Sentenz stammt vom Comedy-Autor John Vorhaus und steht in seinem Ratgeber "Handwerk Humor". Es mag nach ökumenischem Gesangsbuch klingen, ist aber folgendermaßen zu verstehen: "Echte" Komik entsteht nur, wenn sich der Rezipient wiedererkennt (= Wahrheit) und seine Emotionen tangiert werden, indem der Humorist sein Material aus Grenzsituationen des menschlichen Miteinanders schöpft (= Schmerz). Auf den Witz bezogen lautet die Formel so: "Wir sind alle Menschen, wir haben alle ein Geschlecht und wir stecken alle zusammen in dieser blödsinnigen Bredouille. Das ist Wahrheit, das ist Schmerz, und darum funktioniert der Witz." Wahrlich schmerzhaft komisch; Unsinn, ich meine: wahrlich, schmerzhaft, komisch.

Der Zensor im Müll

Vorhaus' Buch ist keine Schnellbrauanleitung für fernsehtaugliche Scherzchen. Zunächst wartet es mit einer psychologischen Vorschule der Komik auf: Beim Witzeschreiben ist es nicht nur unabdingbar, den "inneren Zensor" auszuschalten, sondern auch neun von zehn Ideen getrost in den Mülleimer zu treten. Ganz im Sinne der "positiven Verstärkung als sich selbst erfüllender Prophezeiung", wie es auf Seite 35 in leicht holpriger Übersetzung heißt: Letztgenannte "self-fullfilling prophecy" zeigt den Geist, der zwischen den Seiten hervorweht: Nur Mut! Nicht aufgeben! Du musst es nur wollen! Nach der Autosuggestion folgt dann der Inhalt: Wo das Buch Fragen behandelt, die auch für nicht-komisches Schreiben interessant sind (Plotting, Figuren, Dialog, Konflikt etc.), ähnelt es Sol Steins Standardwerk "On Writing" (dt. "Über das Schreiben"). Stein hat den Maßstab für eine Form von Literatur gesetzt, die so knapp und so effektiv wie möglich zum Punkt kommt - was auf Komik ebenso (wenn nicht im Besonderen) zutrifft.

Der Kontrast macht's

Die komiktheoretischen Aspekte der übrigen Kapitel lassen sich mit etwas maliziösem Willen auf folgendes Sätzchen zusammendampfen: Komik entsteht aus dem (beizeiten schmerzhaften) Zusammenprall von Gegensätzen. Ob man das an "globalen", "lokalen" oder "inneren" Konflikten festmacht, an der Perspektive, die eine komische Figur zur Welt einnehmen sollte, an Übertreibung, an der Bipolarität der Protagonisten oder an der Unangemessenheit der Reaktion läuft letztendlich aufs Gleiche hinaus: Der Kontrast macht's. Vorhaus spielt dem Lernenden die verschiedenen Partien ("komische Prämisse", "komische Figuren", "komische Geschichten", "Sitcom", "Sketch-Comedy") sorgfältig vor, so dass für jede Problemstellung genügend Beispiele zur Hand sind.

Zwischen den einzelnen Themenschwerpunkten taucht immer wieder die titelgebende Rubrik "Handwerk Humor" auf (im Original übrigens "Comic Toolbox", was schöner ist, weil es bildlich den "Werkzeugkasten" evoziert, aus dem der Schaffende sich bedient). Darin werden schnelle Kochrezepte für bestimmt Witzformen vorgestellt. Dank dieser handgreiflichen Texttricks ist das Buch geeignet, um schnelle Erfolgserlebnisse zu schenken - äußerst angenehm (auf die Durststrecke eines Autorenlebens gerechnet).

Die Story des Katzenhassens

Die Ausführungen gipfeln schließlich im "virtuellen Humor", der "3-D-Witze" hervorbringt; das Skalpell im komischen Werkzeugkasten gewissermaßen. Ein solch vollplastischer Jokus erzählt 1. eine Geschichte, 2. die Wahrheit und 3. nun ja, einen Witz. Dass gerade das Leichte schwer sein kann, macht das Beispiel klar, mit dem Vorhaus seinen individuellen Kreativprozess illustriert: "Ich möchte einen Witz über meinen Katzenhass machen. Statt mich mit der Suche nach einem witzigen Spruch abzuquälen, frage ich mich als Erstes, was die ‚Story' des Katzenhassens ist. Ich möchte, dass Katzen sich von mir fernhalten. Was ist die Wahrheit? Katzen können nervtötend sein. Was ist der Witz? Mein Hass auf Katzen in einer unangemessenen Ausdrucksform. Die Suche nach dem 3-D-Witz wird also zu einer Suche nach der Schnittstelle dieser Sets. Ergebnis: Die einzige gute Katze ist ein Türstopper."

Was bleibt nun von so vielen guten Vorsätzen, Tipps, Tricks und Drugs? Zumindest auf die handlichen Werkzeuge aus "Handwerk Humor" wird man immer wieder zurückgreifen. Ansonsten halte man es humortheoretisch eher mit Helge Weinrebe: "Ein Sender erzählt einem Empfänger einen Witz, und dieser reagiert mit Lachen oder Lächeln darauf." Eine schmerzlich banale aber äußerst wahre Erkenntnis.

Das letzte Wort soll dennoch John Vorhaus haben, ein ganzes Kapitel aus seinem Buch sogar:

Kapitel 9: Streiche
Eines darf natürlich in keinem Buch zum Thema Humor fehlen. Eine ausführliche Erläuterung, wie man anderen einen Streich spielt:

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John Vorhaus: Handwerk Humor. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2001. 300 Seiten, Hardcover. z.Zt. vergriffen, gebraucht erhältlich ab 24,90 Euro.




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