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Arme Gourmets


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Sándor Márai wird mit diesem Buch nie in der SPIEGEL-Bestsellerliste neben Susanne Fröhlich stehen. Und das ist gut so.

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Von Tim Meyer






1999. Buchmesse in Frankfurt. Der Schwerpunkt in diesem Jahr: Ungarn. Von Westeuropa aus gesehen, ist das Land ziemlich weit entfernt. Nicht nur geografisch. Für einige scheint es sogar so weit weg zu sein, dass die Menschen dort manchmal unsichtbar sind. Und so stöhnten die Vertreter des Feuilletons leicht beschämt auf, als sie dort einen toten Schriftsteller wieder entdeckten. So als schälte er sich aus dem Dickicht heraus.

Einer, der die Fremde sucht

Sándor Márai, dessen Freitod damals schon zehn Jahre zurücklag, tauchte auf und wurde umgehend aufs Podest gestellt. Klaus Harpprecht klagte ein Jahr später in der Zeit: „Hätten wir nicht längst von ihm wissen müssen? Wo hatten wir unsere Augen, wo unsere Ohren?“ Einige Kritiker hatten wirklich ein schlechtes Gewissen.

Der Piper-Verlag, der sich die deutschen Gesamtrechte mit Ausnahme der Tagebücher gesichert hat, bringt nun mit „Schule der Armen. Ein Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen“ ein weiteres Werk Márais heraus.

Wie der Autor am Anfang des Buches selbst darstellt, weiß er dabei ganz genau, wovon er spricht. 1900 als Anwaltssohn in Kaschau/Ungarn geboren, lebte Márai doch ein Großteil seines Lebens in Armut. Und er geisterte durch die Welt. Ungarn, Berlin, Paris, Ungarn, Italien, Schweiz, Neapel, New York, Italien, San Diego. „Die Armen, die sich zur Wanderschaft entschließen, verfolgen kein bestimmtes Ziel, sondern die Fremde selbst“, schreibt er und könnte dabei auch an sich selbst gedacht haben.

Irgendwann reichte ihm auch die Fremde als Ziel nicht mehr. Mit Ende 80 belegte er in San Diego einen Schießkurs und kaufte sich einen Revolver. 1989 drückte er den Abzug.

Hassliebe zur Armut

Führt man sich seine Biografie vor Augen und stellt fest, was für ein melancholisch-depressiver Charakter Márai war, dann wirkt der zynische Plauderton des Buches noch zwingender. Es ist tiefschwarzer Galgenhumor voller Ironie und Scharfsinn.

„Als ausübender Armer bin ich schon lange auf der Suche nach einem Handbuch, einer Art Gebrauchsanweisung für die Armut, nach einem Wegweiser, wie man diesen Zustand mit Würde und ohne besondere Erschütterung des Nervensystems ertragen kann“, schreibt Márai am Anfang. Er wolle die Armen etwa darüber belehren, wie sie sich zu erheben oder Kartoffeln zu schälen haben, ohne Formfehler zu begehen.

Es ist zuerst gar nicht so einfach, sich immer wieder Márais’ Ironie zu versichern und den Zynismus zu erkennen. Der Ton ist manchmal so böse, arrogant und destruktiv, dass es ein Pamphlet gegen die Armen sein könnte. Aber das kommt wohl von der Hassliebe zur Armut, die Márai offensichtlich gepflegt hat.

Eine aktuelle Zustandsbeschreibung

Obwohl Márai jegliche politische Relevanz seines Werkes abstreitet, ist diese doch mehr als deutlich. Geschrieben hat er die „Schule der Armen“ 1943, aber es hätte auch vor wenigen Jahren sein können. Die Aktualität der Armut kommt eben in Wellen.

Márai zeigt in seinem Buch, was Armut für eine Gesellschaft bedeutet, und dies in Zeiten wachsender Armut, die auch in Deutschland viele Menschen zu Gourmets der Armut macht, also zu solchen. die den Großteil ihres Geldes für Essen aufwenden. Denn vielmehr als ein Ratgeber ist sein Buch doch eher eine gesellschaftliche und emotionale Zustandbeschreibung eines Lebens in Armut, ohne dabei jemals in Selbstmitleid zu verfallen oder an eine Kapitulation zu denken.

Leicht zu konsumieren, schwer zu verdauen

Die Reichen sind bei Márai die eigentlich Armen. „Nur die allerfeinfühligsten Reichen, die so begabt sind, dass sie Arme sein könnten, wissen, wie beschränkt die Macht ihres Geldes ist und dass nicht nur der Besitz des Geldes sie von den Armen trennt.“

Aber das Buch hätte nicht die ihm eigene Qualität, würde es die Armut glorifizieren. Im Gegenteil, Márai ekelt sich vor der Armut und prangert die Ansichten der unter ihr Leidenden an: „Und weil der Arme so wenig von der Welt sieht wie ein Pferd mit Scheuklappen, formt er sich zwangsläufig mit seiner beschränkten Einbildungskraft den Mythos des Reichtums und stellt sich die Welt des Reichen als eine Art staatlich konzessionierten Olymp vor." Marai ist, man sieht es an solchen Passagen, nie zimperlich in seinem Urteil, auch wenn die unterschwellige Ironie dieses zugleich wieder unterläuft.

Die „Schule der Armen“ ist ein irritierendes Buch, das sich leicht konsumieren lässt, danach aber umso schwerer im Magen liegt. Als wäre der Inhalt eine Hefe, die erst im Magen richtig aufgeht.


Sándor Márai: Schule der Armen. Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen. Piper Verlag, Mümchen 2006. 170 Seiten, Hardcover.16,90 Euro.




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