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lit06.de - Titelthema: Ratgeber.

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Die Kultur der Ratgeber


Editorial

– zur neuen Ausgabe von lit06.de

Guter Rat ist nicht teuer. Teuer wird es nur, wenn man den guten Rat vom schlechten unterscheiden will. Denn seit die Kultur mit Druckmaschinen arbeitet, haben die Ratgeber Hochkonjunktur. Hätte man seit dem 16. Jahrhundert wöchentliche Bestseller-Listen geführt, auf der Sachbuchliste wären seither immer jene Bücher unter den Top Ten, die den Lesern erklären, wie man gutes Essen kocht, einen Haushalt führt, ein Feld bestellt, sich bei Hofe benimmt, die Geschlechtsteile des Partners reizt, mit dem Rauchen aufhört oder böse Geister aus den eigenen vier Wänden vertreibt (um sie zum Beispiel dem Nachbarn auf den Hals zu hetzen).

Die Epoche der Aufklärung ist ohne die gedruckte Ratgeberei nicht zu denken. Denn jeder Ratschlag leistet demokratische Illumination: Das praktikable Wissen behält man nicht für sich, sondern gibt es weiter, um andere daran teilhaben zu lassen und auf diese Weise womöglich die ganze Welt zu verbessern.

Gerade dieser Grundcharakterzug der Ratgeber macht sie verdächtig: Sie bieten kein exklusives Wissen, sondern drängen es auf geradezu billige Weise jedem auf, der lesen kann; und sie präsentieren eine Art von Wissen, das sich umstandslos im Alltag verwerten und verwursten lässt und das gerade deshalb seine Heiligkeit und Heimlichkeit verliert.

Jeder Ratgeber lebt von diesem manchmal geradezu unverschämten Optimismus - von allen gebraucht zu werden und von allen benutzt werden zu können, die nicht mehr weiter wissen und die das eigene Leben mit ein paar Regeln und ein paar technischen Hinweisen meistern wollen.

Ratgeber haben so ihren Anteil an der Vermassung der Kultur und der Technisierung und Rationalisierung des Selbst in der Moderne. Zugleich liefern sie immer wieder Hinweise, wie die Probleme der Vermassung, der Technisierung und der Rationalisierung zu bewältigen sind. Nicht zuletzt deshalb stehen sie immer im Verdacht, nur zum Schein Lösungen zu liefern, in Wirklichkeit aber das eigentliche Problem nicht nur zu verdecken, sondern sogar zu verschlimmern.

Gerade diese Doppeldeutigkeit macht die Ratgeber zu einem Schlüsselformat. Wer sich ihnen zuwendet, kann sehr viel über die moderne Kultur lernen, die fortwährend zwischen inflationärer Ratgeberei und hysterischer Ratlosigkeit hin- und herpendelt.

Die nächsten Ausgaben von lit06.de, die zwischen April und September 2006 erscheinen, nehmen diese Doppeldeutigkeit der Ratgeber in den Blick. Monat für Monat untersuchen die Autoren in Essays, Kritiken und Kommentaren die Ratschlag-Formate und ihre Konjunkturen. Vorgestellt werden aktuelle und historische Besteller. Rekonstruiert werden die Schreibweisen, die den Ratgeber zu einem Erfolgsformat machen. Gefragt wird nach den Möglichkeiten, mit Ratgebern das eigene Leben experimentell auszugestalten. Nicht zuletzt werden immer wieder gute Ratschläge gegeben, wenn es um die Frage geht, welche Ratgeber man eigentlich lesen soll.

In der Rubrik lit.thema werden neue Essays vorgestellt. Für die erste Ratgeber-Ausgabe sammelt Steffen Martus lose Notizen, mit denen er den phänomenalen Paradoxien der Ratgeberkultur nachspürt. Stefan Mesch nimmt sich das Werk von Vladimir Nabokov vor, um zu zeigen, wie sich auch die so genannte hohe Literatur als Ratgeber lesen lässt. Umgekehrt wird in der Rubrik lit.kritik und in den lit.folgen gezeigt, welche literarischen Potentiale gerade in der Schreibweise der Ratgeberformate steckt.

Neu sind ab dieser Ausgabe von lit06.de gleich drei Rubriken:

Zum einen wird mit lit.reprint ein ganzer Ratgeber in Einzelfolgen nachgedruckt. In den nächsten Monaten kann man hier ein Buch lesen, das in der Weimarer Republik ein Bestseller war: „Der Kopfarbeiter“ von 1922, in dem allerlei Vorschläge zur Rationalisierung und zur Technisierung der Schreibtischtäter gemacht werden.

Zum anderen stellt ab jetzt Monat für Monat im lit.handapparat Titel für die kulturjournalistische Praxis vor. In Kurzrezensionen wird hier auf einschlägige und auch auf überraschende Titel verwiesen, mit denen man nicht nur das Recherchieren, Lesen, Schreiben und das Konzipieren von Zeitschriften lernen, sondern sich auch einen Überblick über die kulturelle, ökonomische und mediale Rahmung des Kulturjournalismus verschaffen kann.

Unter lit.folgen bietet lit06.de einen ganz speziellen Service an: lit.tip Hier können lit06.de-Leser beliebige (!) Fragen stellen. Wer immer einen Ratschlag braucht, wende sich namentlich an einen der Redakteure oder Herausgeber. Einfach die Frage per Email senden. Sie wird GARANTIERT in der nächsten Ausgabe mit Sorgsamkeit, Einfühlungsvermögen und vor allem mit echten Lösungsvorschlägen für knifflige Problemlagen beantwortet.

Auf diese Weise offenbart sich lit06.de – das Magazin für Kritik und literarische Öffentlichkeit als das, was es schon immer war und was es immer sein wird: Ein Ratgeber-Ratgeber, ein Ratschlagsmagazin hoch zwei.

Viel Spaß beim Klicken und Lesen
wünscht
lit06.de



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