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Jens Uve Kruse: Der Kopfarbeiter (1922)





















6. Beobachtungen – Einfälle.

„Lesen ist ein bloßes Surrogat des eigenen Denkens. Man läßt dabei seine Gedanken von einem Anderen am Gängelbande führen.“

„Lesen soll man nur dann, wenn die Quelle der eigenen Gedanken stockt; was auch beim besten Kopfe oft genug der Fall sein wird. Hingegen die eigenen urkräftigen Gedanken verscheuchen, um ein Buch zur Hand zu nehmen, ist Sünde wider den heiligen Geist. Man gleicht alsdann dem, der aus der freien Natur flieht, um ein Herbarium zu besehen, oder um schöne Gegenden im Kupferstiche zu betrachten . . ."

Mit solchen Worten warnt schon Schopenhauer vor dem allzuvielen Lesen. Und er würde seine Stimme noch lauter erheben, sähe er, wieviel Zeit und Kraft heutzutage an Gedrucktes vertan wird.

Gewiß, der Kopfarbeiter von heute muß viel lesen, trotz oder vielleicht grade wegen der weitgehenden Arbeitsteilung auf allen Gebieten. Aber es besteht die Gefahr, daß das Lesen immer mehr zur alleinigen Quelle unsres Wissens werde. Wir sind daran, daß uns die beiden andern Kraftquellen geistigen Wachsens immer dürftiger fließen und bald ganz versiegen: das Erleben und das eigene Denken.

Ein rechter Lehrer hierin und Vorbild kann uns Goethe sein. Von ihm erzählt uns Wilhelm Bode:

Schon als Student schaute Goethe auf seinen Wanderungen nicht bloß nach schönen Mädchen und guten Weinen aus, sondern kümmerte sich recht sorgsam z.B. um den Gewerbefleiß an der Saar, oder die Altertümer bei Niederbronn. Und an jedem Orte fragte er nach kundigen Leuten, die ihn belehren konnten. Im Jahre 1818 sagte er zum Kanzler v. Müller und zu Julie v. Egloffstein: „Gehet, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen." Er selber lernte freilich auch aus Büchern, nur zog er eigene Anschauung und mündliches Ausfragen vor. Und da nahm er als Lehrer nicht nur Männer wie die Humboldts, Schiller, F. W. Wolf, Voß, Fichte, Schelling, sondern der schlichteste Bergmann oder Seidenweber oder Hafenarbeiter oder Gärtner war ihm ebenso recht.

Dieselbe Aufmerksamkeit, die Goethe für das Lehrreiche in den Menschen hatte, brachte er der Natur entgegen. Die Wolke am Himmel, das Tier am Wege, die Form des Berges, der Lichtschein durch ein Glas: Nichts entging seinem lernbegierigen Geiste. Als er 1790 einmal auf den Dünen des Lido, welche die Venezianischen Lagunen vom Adriatischen Meere trennen, spazieren ging, wurde seine Aufmerksamkeit auf einen geborstenen Schafschädel gelenkt, der im Sande lag. Und dieser Schädel wurde durch Goethes Aufmerksamkeit historisch, denn er war so glücklich gespalten, daß er seinem Beschauer nicht allein die von ihm schon früher vermutete Wahrheit, daß die sämtlichen Schädelknochen aus verwandelten Wirbel-knochen entstanden seien, bestätigte, sondern er stellte ihm auch den Übergang innerlich ungeformter organischer Massen nach außen zu fortschreitender Veredelung, höchster Bildung und Entwicklung in die vorzüglichsten Sinneswerkzeuge vor Augen. So wurde Goethe ein großer Entdecker . . .

In der Geschichte seines botanischen Studiums erwähnt er ein vorzügliches Mittel, um die uns so belehrende Aufmerksamkeit zu steigern: das Reisen. Unsere gewöhnliche Umgebung sehen wir fast gar nicht mehr, sie reizt uns wenig zum Nachdenken, die wunderbarsten Dinge erscheinen uns gemein und trivial, wenn wir sie täglich haben: „Dagegen finden wir, daß neue Gegenstände in auffallender Mannigfaltigkeit, indem sie den Geist erregen, uns erfahren lassen, daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig sind. Dies ist der eigentlichste Gewinn der Reisen, und jeder hat nach seiner Art und Weise genügsamen Vorteil davon. Das Bekannte wird neu durch unerwartete Bezüge, und erregt, mit neuen Gegenständen verknüpft. Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urteil.“

Ziehen Sie daraus für sich Lehre und Folgerung; aber versuchen Sie sich in diesem aufmerksamen Beobachten auch schon jetzt in Ihrer gewöhnlichen Umwelt. Sie glauben gar nicht, wieviel Wichtiges dann ist, oder wenigstens was wichtig werden könnte, wenn es das rechte Auge findet. Galilei und Newton hatten den ersten Anstoß zu ihren weltbewegenden Forschungen durch ganz alltägliche Beobachtungen: Galilei durch das Pendeln einer hängenden Lampe, Newton durch das Fallen eines Apfels. Und was ein Schafschädel offenbaren kann, ist eben erzählt. Und einer der bedeutendsten Psychologen Deutschlands pflegt zu sagen, eigentlich müsse jeder Psychologe sich einen Hund halten, um an ihm — die Seele zu studieren.

Schauen und Beobachten bieten aber nicht nur wertvolle Anregungen zu neuen Gedanken, sondern auch neue Belege für schon fertige oder halbfertige Überzeugungen; zudem für die Form und Darstellung eine Hilfe, nämlich Bilder und Gleichnisse, womit Sie Ihre Gedanken Andern faßbarer machen können und überzeugender.

Schon aus diesem Grunde sollten Sie, wenn Sie auf der Straße oder auf Feldwegen wandern, nicht gegenwartsentrückt über ferne Arbeiten grübeln, sondern dessen inne werden wollen, was Sie sehen. Stellen Sie sich bewußt auf dieses Alletage-beobachten ein, und Sie werden Überraschungen haben: Erlebnisse, die Sie früher „niemals hätten haben können“; und das desto häufiger, je besser Sie sich an das „Sehen mit offenen Augen“ gewöhnen.

Und noch eins: Je mehr Ihnen auffällt, desto mehr wird Ihnen einfallen. Je teilnehmender Sie sich in den Arbeitspausen oder nach der Arbeit den Dingen hingeben, die nichts mit Ihrer Arbeit zu tun haben, desto bessere Einfälle kommen Ihnen gerade für die Arbeit selbst. Haben Sie nicht schon solches bemerkt? Die Tatsache erklärt sich folgenderweise:

Alle Ergebnisse der psychologischen Forschung deuten darauf hin, daß die eigentlich schöpferischen Leistungen des menschlichen Geistes nicht bewußt, sondern im Unterbewußtsein geschehen. Um nun das Unterbewußtsein anzuregen, sich mit einem Problem zu beschäftigen, muß allerdings zunächst das Vollbewußtsein dies Problem lebhaft durchdenken und klar formulieren. Dann aber scheint das Unterbewußtsein desto rascher mit der Frage fertig zu werden, je mehr sie ihm überlassen wird, d. h. je weniger sich das bewußte Denken damit beschäftigt.

Und wenn alle früheren Gründe für Sie nicht stichhaltig waren: sicher wird dieser ebengenannte Sie veranlassen, von nun an mehr als bisher den vielen großen und kleinen Dingen Ihrer Umwelt Anteilnahme zu schenken.

Gute Einfälle haben die Tücke, ebenso schnell wie sie gekommen wieder zu entweichen. Deshalb gewöhnen Sie sich daran, sie im rechten Augenblick zu fangen. Im allgemeinen genügt es, die Einfälle, also alle guten Eigengedanken, neuen Fragestellungen, wichtigen Beobachtungen sogleich klar und deutlich zu formulieren und sie dann stichwortartig auf einem Zettel zu vermerken: jeden Einfall, jede Beobachtung, jede Frage auf einem besonderen Zettel. Diese Zettel sammeln Sie in einer Mappe oder sonst in einem Behältnis, das wir den „Gedankenkasten" taufen wollen. Von Zeit zu Zeit werden sie langsam durchgesehen. Dann werden Sie bemerken, daß seit der klaren Formulierung der Frage sich das Unterbewußtsein damit beschäftigt hat: denn obgleich „Sie“, d. h. Ihr Oberbewußtsein, seitdem gar nicht mehr an die Frage gedacht haben, werden Ihnen beim Durchlesen der Notizen gleich eine Menge von kritisierenden oder bestätigenden Ergänzungen einfallen. Diese Zusätze und neuen Gedanken, die oft zuerst unklar und verschwommen auftauchen, versuchen Sie wieder in klare Form zu bringen und vermerken Sie auf den zugehörigen oder auf neuen Zetteln.

Dann legen Sie die Zettel wieder in den Gedankenkasten, und dort bleiben sie bis zur nächsten Durchsicht, oder bis Sie einige davon zu Arbeiten brauchen.

Mit ihrer weiteren Verwertung werden wir uns in einem späteren Kapitel beschäftigen. Vorerst aber wollen wir noch etwas über die Erholung des Kopfarbeiters und über die zweckmäßigen Erholungsmöglichkeiten miteinander beraten.



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