Mit Jens Uve Kruses "Kopfarbeiter" präsentiert lit06.de einen Ratgeber-Bestseller aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wer allerdings glaubt, dass es hier um ein Büchlein geht, von dem man heute keinen guten Rat mehr erwarten kann, der irrt - besser: der profitiert nicht von den Einsichten in die Regulierbarkeit und Optimierbarkeit eines Lebens, das lesend, denkend, schreibend am Schreibtisch verbracht wird.
In kurzer Zeit leicht auszuführen
Kruse selbst hat sich immerhin soweit reguliert und optimiert, dass er auf geradezu umfassende Weise den Ratgeber spielen konnte: "Lebenskunst. Ein Wegweiser für die neue Zeit", "Ich will! Ich kann! Eine Schule des Willens und der Persönlichkeit", "Gedächtnisschule", "Die Redeschule", "Das Büchlein zum guten Schlaf. Den vielen Schlechtschläfern unserer schlimmen Zeit zur Hilfe und Heilung" - das sind nur einige Titel aus dem Kruse-Regal. Deren Essenz kann auch im Band "Der Kruse-Tag" nachgelesen werden, in dem der Autor "in ausführlicher Beschreibung das Mindestmaß täglicher Körper- und Seelenpflege für jedermann" angibt, wobei immer wichtig ist: "Die Übungen sind einfach und leicht auszuführen und nehmen nur wenig Zeit."
Während die vielen Kruse-Titel schon längst vergessen sind, macht der Kopfarbeiter immer noch Karriere. In spät- und plumpmarxistischen Diskursen, wie sie allenthalben noch auf einigen Seiten im Netz am Leben gehalten werden, denkt man viel über die Trennung von Kopf- und Handarbeit nach. "Kopfarbeiter" wird hier der Intellektuelle genannt. Und wo immer er so genannt wird, dort bricht mehr oder weniger offen ein Ressentiment gegen Menschen durch, die Revolutionen lieber dialektisch verquatschen als handgreiflich nach vorne treiben.
Der Kopfarbeiter als Wissensmanager
Erstaunlich aber ist, dass sich nicht nur die Spät- und Plumpmarxisten mit dem Kopfarbeiter beschäftigen. Präsent ist er auch in den populär eingefassten Artikeln und Büchern zu Wirtschaftsfragen. Der Kopfarbeiter heißt hier eigentlich "Wissensmanager". Nur wenn die Thesen etwas handfester klingen sollen, wird er wieder zum "Kopfarbeiter" umbenannt.
Fredmund Malik, einer der gefragtesten Consultants der Branche, kennt den wissensmanagenden "Kopfarbeiter" nur als Mitglied einer "eigentümlichen Spezies", die besonders gepflegt und dafür erst einmal besonders verstanden werden muss. Denn "Kopfarbeiter haben spezielle Werte und ein eigenes Selbstverständnis", schreibt Malik im Manager-Magazin. "Sie sind an Karrieren im üblichen Sinne, vor allem an Managementkarrieren, wenig interessiert. Sie wollen fachlich interessante Aufgaben haben. Anerkennung durch einen Chef wird gering geschätzt, außer er ist selbst Fachmann auf demselben Gebiet. Das Lob von Laien hat kein Gewicht, die Anerkennung durch die Fachwelt zählt."
Aber das ist noch nicht alles. "Kopfarbeiter", so Malik weiter, "müssen in erster Linie geführt werden durch Aufgaben, die ihnen selbst sinnvoll erscheinen. Und darüber hinaus müssen sie sich in erheblichem Maße selbst führen. Sie sind entweder Selbstorganisierer und Selbstmanager - oder sie sind ineffektiv. Das ist das neue Produktivitätsproblem in Wirtschaft und Gesellschaft."
Mit Ford fährt das Ich am besten
Das Organisieren des eigenen Selbst, das Management, das sich aufs eigene Leben bezieht - diese Sicht auf das, so Malik, "Wesen des Kopfarbeiters" führt direkt zur Re-Lektüre des Klassikers von Jens Uve Kruse. Denn Kruse will den Kopfarbeiter nicht nur dazu anleiten, das Leben besser zu organisieren, damit er noch mehr und noch Besseres leisten kann. Er hat auch die Idee, dafür auf eine Methode des Produktionsmanagements zurückzugreifen, die das Produktionsmanagement im eigentlichen, strengen Sinn überhaupt erst erfindet. Diese Methode gehört zur Zeit der Veröffentlichung des "Kopfarbeiters" zur Avantgarde und hat nicht nur in Kruses Gegenwart Erfolg. Vielmehr ist sie zu einer Grundmythe geworden, von der die kulturelle Topik des gesamten 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt ist. Gemeint ist der Fordismus.
Mit seinem Buch über den "Kopfarbeiter" führt Kruse eine Philosophie der Lebens- als Arbeitskunst ein, wie sie in den Zeitaltern zuvor noch völlig unbekannt war. Er steht damit an einer ebenso anthropologischen wie epistemologischen Schnittstelle, von der aus der Mensch als Organisation grundsätzlich neu verstanden wird. Während zur gleichen Zeit die Psychoanalyse die anthropologischen und epistemologischen Diskurse auf romantische Weise revolutioniert, so führt der Fordismus ein Welt- und Menschenbild ein, das eher der Grundarchitektur der Moderne verpflichtet ist, wie sie Max Weber fast zur selben Zeit so prägnant benannt hat: als stahlhartes Gehäuse der Moderne.
Ford statt Freud
Zu einer solchen neuen Härte (gegen sich selbst) soll mit Kruses Büchlein auch der "Kopfarbeiter" erzogen werden. Dafür wird - ganz wie es die Fordistische Systematik tut - das eigene Produktionssystem zerlegt und Schritt für Schritt rationalisiert. Erst wo diese Rationalisierung durchgesetzt ist, greifen die einzelnen Handgriffe und damit dann auch die Produktionsabläufe immer besser ineinander.
Wer Kruses Anweisungen liest, wird zwar sehen, dass sie so stahlhart dann doch nicht formuliert sind und den Leser nicht zur letzten Härte zwingen wollen. Aber wer sie genau liest, wird erkennen, dass sich in diesem Büchlein an genau diesem Punkt die Schnittstelle von alter Diätetik und neuer Rationalisierung, von altem und neuem Menschenbild, von alter Arbeit und neuer Produktion abzeichnet.
Auf jeden Fall steht Kruse am Beginn einer Tradition, die im 20. Jahrhundert Hochkonjunktur hatte (und immer noch hat), auch wenn sie im großen kulturgeschichtlichen Kanon gern ausgeblendet wird: Es ist die Anweisungsliteratur für Kreative, die sich als Freischaffende auf einem unübersichtlichen, erheblichen Schwankungen unterworfenen Markt etablieren, durchsetzen und halten müssen.
Während in den Kulturgeschichten viel von der anderen einflussreichen Beschäftigung mit dem eigenen Selbst gesprochen (und geschwärmt) wird, nämlich der Psychoanalyse, bleibt die fordistische Linie der Selbstdisziplinierung der "Kopfarbeiter" völlig ausgeblendet. Aber es gibt sie. Die Bücher, die dem Schreibenden vorschlagen, wie sich ein "verdammt guter Roman" schreiben lässt, stehen heute ebenso in dieser Tradition, wie die Schriften der Trendbüros und Management-Gurus, die die Ökonomisierung der kreativen Arbeit befördern und die Kreativität des Managements herausstreichen.
Der "Simplify your Life"-Diskurs
Es hat sich ein ganzer Zweig von Ratgeberliteratur entwickelt, der den Künstlern (und den so genannten Künstlern unter den Managern) vorschlägt, wie das Leben zu führen sei. Der Alltagsmensch, der mittlerweile auch kreativ sein muss, wird dabei immer mit angesprochen. Und er lässt sich auch gern ansprechen. Der enorme Dauererfolg von "Simplify your Life" ist Ausdruck der Tatsache, dass man es hier mit einem eigenen Markt zu tun hat, der die Künste und Lebenskünste am Beginn des 21. Jahrhunderts mindestens so stark durchdringt, wie man es für den Beginn des 20. Jahrhunderts immer von der Psychoanalyse angenommen hat.
Wenn wir Jens Uve Kruses Buch in lit06.de stückchenweise wieder zur Lektüre empfehlen, dann empfehlen wir es gleich doppelt. Zum einen kann es als Buch gelesen und genossen werden, mit dem Old-School-Experimentiervorschläge à la "Simplify your Life" gemacht werden. Man kann sie nutzen, man kann sie versuchsweise anwenden, und man kann dabei sehen, welche Ähnlichkeit die hier verhandelten Probleme mit jenen Problemen haben, mit denen man selbst zu kämpfen hat.
Doppelte Lektüre
Das führt gleich zum zweiten Aspekt, den wir dem Leser dieses Büchleins mitzulesen empfehlen: Denn zu lesen ist Kruses Buch als eins, das mit am Ursprung der Formierung jener Diskurse steht, in denen sich der Mensch der Gegenwart mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit bewegt. Allein die Tatsache, dass die Probleme, die hier verhandelt werden, die Probleme des "Kopfarbeiters" der Gegenwart sind, stellt ja nicht ihre überhistorische Richtigkeit, sondern gerade ihre Abhängigkeit von der kulturhistorischen Formierung der Selbstwahrnehmung unter Beweis. Mönche des Mittelalters brauchten Kruses Buch eben nicht. Das liegt auf der Hand. Aber es liegt damit eben so sehr auf der Hand, dass es sich lohnt, aufs Neue über die historische Abhängigkeit der "Selbst-Fordisierung" und über ihre Folgen der Selbstwahrnehmung nachzudenken.
Um diesen doppelten Lektüreblick Stück für Stück justieren zu können, wird der "Kopfarbeiter" auf diesen Seiten Stück für Stück, Monat für Monat ergänzt. Bis das Büchlein am Ende der Ratgeber-Ausgabe von lit06.de komplett zu lesen ist. Erscheinen wird es dann als pdf-Dokument und mit einem ausführlichen Vorwort versehen. Man kann es sich also ebenso komplett herunterladen und als Ganzes noch einmal in den Blick nehmen: von den Ratschlägen zur Einrichtung der Arbeitsstätte des Kopfarbeiters, der Zusammenstellung der Speisekarte des Kopfarbeiters bis zu seiner wohlverdienten Erholung. Auch die will ja seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts rationalisiert sein. Niemand weiß es besser als der Leser von heute, der seine Freizeit durch die Lektüre von Kruses "Kopfarbeiter" in den nächsten Monaten optimal nutzen kann.