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11.07.2006
Ich möchte gern wissen, wie das mit der Liebe funktioniert. Wie kann eine Frau die Liebe desjenigen Mannes gewinnen, der für sie "der Einzige" ist(sozusagen der "Mann ihres Lebens"), der aber nichts davon weiß? Es gibt bestimmt kein Patentrezept, aber vielleicht Ratschläge, was man auf keinen Fall machen sollte?


Susanne Gawandtka, Berlin



Zunächst sollte man sehen, dass es hier um mehrere Fragen geht: zum einen nach dem Funktionieren der Liebe; zum zweiten nach der Kontaktanbahnung und nach dem Beziehungsaufbau im Blick auf den „Mann des Lebens“; zum dritten nach den Unterlassungshandlungen. Dann sollte man sehen, wie diese Fragen zusammenhängen: Wenn man davon ausgeht, dass es so etwas wie die „einzig wahre Liebe“ gibt, dann muss man sich fragen, welche Qualität diese Sozialbeziehung von allen anderen Sozialbeziehungen auszeichnet. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen dafür, die alle recht spekulativ sind. Eher aus der Praxis heraus entwickelt hingegen der Soziologe Niklas Luhmann seine Alleinstellungsmerkmal für Liebe: Er meint – kurz gefasst –, dass Liebende sich wechselseitig für alles aneinander interessieren, während man sich in anderen Fällen auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale konzentrieren kann. Der Bäcker ist als Bäcker interessant, und wenn er gute Brote backt, kann es mir egal sein, ob er z.B. sympathisch oder unsympathisch ist, ob er eine Knubbelnase hat oder schlechte Witze erzählt – in einer Liebesbeziehung sieht das anders aus. Daraus folgt, dass die zweite Frage die Antwort auf die dritte Frage enthält: Liebe kennt keine Unterlassungshandlungen, weil sie sonst die wichtigen von den unwichtigen Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden und damit ihre Unverwechselbarkeit verlieren würde.

Man sieht aber gleich, dass das nur schwer realisierbar ist. Luhmann hat dafür die schöne Formulierung gefunden, dass Ehen im Himmel geschlossen und im Auto geschieden werden (der Streit über den Fahrstil des Partners ist deswegen so wichtig, weil eben auch das Steuern eines Fahrzeugs als Teil der Partnerschaft behandelt wird). Die letzte Frage (bzw. die Antwort darauf) führt damit direkt zur ersten Frage nach dem Funktionieren der Liebe. Und angesichts der immens hohen Anforderung, die an die Liebenden gestellt werden, muss man vermuten: Liebe funktioniert gar nicht; sie überfordert die Liebenden einfach. Oder anders formuliert: Sie funktioniert nur deshalb, weil man Mittel und Wege findet, diese Überforderung zu überspielen. Dass das Scheitern von Beziehungen konstitutiv für Beziehungen ist, hat Judith Butler gesehen. Sie spricht daher von der „Komödie“ der Liebe, zu der das Stolpern, sich Versprechen, das Missverstehen und die Lächerlichkeit ebenso gehören wie die Verhandlung von Idealen und absoluten Werten, die mit den Realitäten des Alltags kollidieren.

Damit bin ich beim Problem der Beziehungsanbahnung angelangt: Wenn „er“ der „Einzige“ für „sie“ ist, dann sollte er die frühromantischen Tugenden ‚Witz’ und‚Phantasie’ haben – ohne Enthusiasmus gibt es keine Liebe, ohne Ironie wird die Liebe auf Dauer scheitern. Der Klassiker der Beziehungsanbahnung ist daher nach wie vor die Kombination von Kulturkonsum und Gastronomiebesuch: Zwischen geistiger Anregung und leiblicher Befriedigung bleibt – wenn alles gut läuft – genug Zeit für den Beginn der Komödie. Und man weiß: Am Ende aller guten Komödien finden sich die Liebenden gegen alle Widerstände.

Steffen Martus




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